Huhu ihr Lieben,
heute habe ich eine alte Kurzgeschichte für euch. Sie ist im Literaturkurs in der 12. Klasse entstanden. Damals haben wir das Stück “Auf hoher See” von Slawomir Mrozek zu einer Aufführung vorbereitet. Irgendwo kam mir da die Idee zu dieser Kurzgeschichte, auch wenn es thematisch lediglich den Titel als Parallele hat.
Nun kuschel ich mich aber lieber wieder hin (virale Infekte sind doof) und wünsche euch viel Spaß beim Lesen!
Alles Liebe
Laura
Glück im Unglück
(Juni 2004)
Blaues Wasser, soweit der Blick reichte. Glitzernde Sonnenstrahlen, die sich in den Wellen brachen. Es war morgen.
Ruhig stand Vanora an die hölzerne Reling gelehnt. Weit hinaus auf das Meer reichte ihr Blick. Überall konnte sie das blaue Wasser spüren und beobachten. Einzig in der Ferne war ein kleiner Funken der irischen Küsten zu erahnen. Ansonsten stahl sich nur das weite Meer in das Bewusstsein der jungen Frau.
Immer weiter entfernten sich die Küsten und zurück blieben einzig und allein die rauschenden Wellen des Ozeans über denen das kleine Schiff sanft hin und her geschaukelt wurde und dem fernen Horizont entgegen eilte.
Diesen Augenblick hatte Vanora für sich allein. Keine Menschenseele war mit ihr auf Deck. Alle schliefen noch tief und fest in ihren Kojen und ahnten nicht einmal ansatzweise was sich in diesem Moment auf Deck abspielte. Hier konnte Vanora in aller Ruhe den neuen Morgen genießen.
Eine frische, nach Salzwasser duftende Brise durch zauste ihr Haar. Um dem kühlen Wind etwas zu entgehen, setzte sie ihre Kapuze auf und wickelte ihren Umhang etwas enger um sich. Endlich hatte sie ihre Heimat verlassen und würde nun ein neues Leben beginnen können.
In den vergangenen Jahren hatte sie viel gelernt. Seit ihrer frühen Kindheit lebte sie mit Priesterinnen zusammen, welche ihr alles beigebracht hatten, was sie wussten. Doch war all dies Wissen Vanora immer noch zu wenig. Sie wollte mehr lernen. Erfahren, was es mit all den Dingen, die sie umgaben, auf sich hatte. Jedoch war dies in ihrer alten Heimat nicht möglich. Aus diesem Grund hatte sie sich aufgemacht und ein Schiff gesucht, das weit hinaus fahren würde. Bereits zwei Häfen hatte sie hinter sich gelassen und genoss nun abermals, wie die Sonne am Horizont emporstieg und sie weiter fernen Ufern entgegen getragen wurde.
Vorsichtig stahlen sich vereinzelte Sonnenstrahlen durch die langsam immer weiter aufreißende Wolkendecke und kitzelten Vanoras Nasenspitze. Das Mädchen lächelte. Lange war sie nicht mehr so glücklich gewesen. Endlich war sie frei. Sie konnte tun und lassen was sie wollte. Sie war unterwegs. Neue Aufgaben, Abenteuer und vor allem neues Wissen warteten auf sie.
Mit der langsam, immer höher steigenden Sonne kamen auch die anderen Mitreisenden an Deck. Vanora schenkte ihnen wenig Beachtung, sondern blieb weiter unbeweglich an der Reling stehen. Alle Anzeichen sprachen dafür, dass es ein schöner Tag werden sollte. Die Sonne schien, das Meer war ruhig und der Wind trieb das kleine Schiff noch zusätzlich an.
Vanora genoss diesen Augenblick. Sie beobachtete das Meer, die anderen Menschen und erfreute sich an dieser Reise. Es war das erste Mal, dass sie sich so weit von zu Hause entfernt hatte.
Hier an Deck vergingen die Stunden schnell. Mit jeder vergangenen Stunde kam Vanora ihrem Ziel näher, auch wenn davon nichts zu bemerken war. An der Umgebung änderte sich nichts. Es war fast so, als wenn das Schiff still stehen würde.
Mit einem Mal veränderte sich die Atmosphäre der Reise. Zuerst langsam, dann immer schneller verdunkelte sich der zuvor strahlend blaue Himmel. Dichte, schwarze Wolken zogen auf. Der Wind wurde immer stärker und das einst ruhige Meer bäumte sich in heftigen, schäumenden Wogen auf. Weit in der Ferne zuckte ein Blitz am Horizont.
Alle beobachteten gebannt dieses fesselnde Naturschauspiel. Einzig die Besatzung schien in Sorge zu sein. Bald gesellte sich dem Wind ein heftiger Regenschauer hinzu, der seine dicken Tropfen prasselnd aufs Deck schickte. Fast alle außer Vanora, der Besatzung und einigen schaulustigen Mitreisenden, suchten Schutz unter Deck.
Vanora hatte keine andere Wahl, als auf Deck zu bleiben. Für eine Koje hatte ihr das Geld gefehlt. All ihre Habseligkeiten trug sie bei sich. Es war grade so viel, dass es in einen kleinen Sack passte, den sie sich über die Schulter unter ihren Umhang gehängt hatte. So war das Wertvollste, was sie neben ihrem Leben und Wissen besaß ein kleiner Dolch, eine Laute, sowie ein paar edle Kräuter.
Ruhig stand sie da und beobachtete.
Immer heftiger schlugen die Wellen auf das Deck. Vanora musste aufpassen, dass sie nicht das Gleichgewicht verlor und über Bord fiel. Das Schiff schaukelte gefährlich in den tosenden Wassermassen.
Vanora blickte wie hypnotisiert in die Ferne und starrte in die Dunkelheit. Den Regen und alles um sie herum hatte sie ausgeblendet. Auch den Mann, der ihr etwas zu rief, nahm sie nicht wahr. Erst als zwei Männer sie packten und unters Dach zerrten erwachte sie aus ihrer Benommenheit. Das Unwetter wurde von Minute zu Minute heftiger. Fast hätte eine Welle Vanora mitgerissen. Die Männer sprachen zu ihr: „Was ist bloß in dich gefahren?“ „Bist du denn von allen guten Geistern verlassen?“ „Bei diesem Wetter allein auf dem Deck stehen?“ Fassungslos schüttelten sie nur die Köpfe und waren entsetzt über das Verhalten der jungen Frau. Doch Vanora interessierte all dies nicht. Sie stand da, lehnte sich an die Wand, schwieg und beobachtete das Unwetter.
Immer näher kam das Gewitter. Vanora zitterte vor Kälte. Erst jetzt bemerkte sie, wie durchnässt ihr Umhang und ihre Reisekleidung war. Eine Erkältung würde sicher nicht aus bleiben.
Plötzlich raste ein Blitz nieder, traf das Boot und splitterte den Mast. Von der Wucht des Aufpralls in Bewegung gesetzt, prallte dieser aufs Deck und schlug ein gewaltiges Loch in das kleine Schiff.
Welle um Welle brach über den Reisenden zusammen und brachte das Schiff extrem zum Schwanken. Vanora klammerte sich fester an den hölzernen Balken, der sich in ihrer Nähe befand. Weitere Wellen schlugen auf sie ein. Immer mehr Teile lösten sich vom Schiff. So auch der Balken und ein Teil der Bordwand, an den sich Vanora klammerte. Alles wurde hinaus aufs Meer und in die dunklen Fluten gerissen.
Vanora bemühte sich auf das schwimmende Holz zu klettern. Kurz darauf hatte sie sicheren Halt gefunden, legte sich auf dem Rücken und ließ sich vom Holz tragen. Und dann wurde die Dunkelheit vollkommen
~
Die junge Frau spürte nur noch die Kälte die sie umgab. Eingeengt, bedrängt und hin und her geworfen, versuchte sie wenigstens den letzten Funken an Bewusstsein aufrecht zu halten. Sie kämpfte, kämpfte darum wieder voll zu Bewusstsein zu gelangen und ihre Arme und Beine wieder spüren zu können.
Lange währte das Gefühl der Hilflosigkeit. Sie hatte keine Angst. Sie wusste nur einfach nicht was sie tun sollte, außer das sie auf keinen Fall das Bewusstsein verlieren durfte. Sie wollte alles aufnehmen, was sie umgab. Lernen von der Natur. Erfahren, was sie erfahren konnte. Und dann war es soweit, Vanora hatte die Kontrolle über ihren Körper wieder. Vorsichtig öffnete sie die Augen. Um sie herum war es dunkel. Langsam ließ sie ihren Kopf zur Seite kippen. Sie spürte das kalte Wasser sie einhüllen. Wasser? Mit einem Schlag war Vanora hell wach. Warum war da Wasser? Was war passiert und warum war sie noch am Leben? Vanora holte tief Luft und versuchte zunächst die Fragen zu beantworten.
Vanora erinnerte sich an ein Schiff, auf dem sie gewesen war und an ein Unwetter. Doch wo war das Schiff hin? Auch an Blitze erinnerte sie sich. Und an Menschen die ebenfalls da gewesen waren. Doch nun sah sie nichts mehr von all dem. Nur noch vereinzelte Holzplanken und diverse Bruchstücke schwammen auf der unruhigen See. Wieso war sie die einzige die anscheinend überlebt hatte? Lag es daran, dass sie so leicht war und deshalb auf dem Treibholz liegen konnte ohne mit diesem unter zu gehen? Hatte das Holz ihr vielleicht das Leben gerettet? Die Menschen unter Deck hatten wohl die kleinste Chance zu überleben, doch was war mit den Männern, die neben ihr an Deck gestanden hatten? Vanora konnte nirgendwo jemanden entdecken.
Der Sturm schien allmählich nachzulassen, das Gewitter war weiter gezogen und der Wellengang hatte sich ebenfalls etwas beruhigt. Hier und da blitzte bereits wieder ein vereinzelter Stern durch die Wolkendecke. Gut zu wissen, dachte Vanora. Es ist also Nacht.
Immer mehr ließen ihre Kräfte nach. Doch so schnell wollte sie nicht aufgeben. Zuversichtlich schloss sie die Augen und schütze diese somit vor dem brennenden Salzwasser und ruhte sich etwas auf dem Treibholz aus.
Nach und nach sackte Vanora in einen leichten Schlaf. Dabei rutschte ihr Gesicht immer mehr und mehr der nahen Wasseroberfläche entgegen. Als die Nasenspitze das Wasser berührte, schrak sie hoch.
Einige Zeit war vergangen. Noch immer schwamm sie auf dem Meer. Doch der Wind und die Wellen schienen sie ein ganzes Stück weit voran getragen zu haben. Am Horizont tauchte schließlich ein dunkler Fleck auf. Es musste wohl eine Insel sein. Ob es vielleicht ihr Ziel war?
Vanora hatte Glück. Der Wind und die Wellen trieben sie direkt auf diese zu, somit immer weiter aus dem Unwettergebiet hinaus und in immer ruhigeres Gewässer.
Es war ein merkwürdiges Gefühl, sich einfach auf die Natur zu verlassen. Doch tun konnte Vanora nichts. Dazu fehlte ihr einfach die Kraft. Sie beschloss zu warten. Vorsichtig veränderte sie ihre Position auf dem Treibholz, um einen sichereren Halt zu bekommen. Darauf schloss sie einfach die Augen um Kraft zu sparen, ließ sich einfach treiben und schlief bald darauf ein.
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Vanora wusste nicht wie viel Zeit vergangen war, seit dem sie das letzte Mal die Augen geöffnet hatte. Es war auch nicht wichtig. Wichtiger war für sie, dass die Sonne sich wieder zeigte und vereinzelte Strahlen durch die noch vorhandene Wolkendecke schickte. In diesem Licht konnte sie in der Ferne schemenhaft eine Landmasse ausmachen. Mit jedem Augenblick der verging, wurde sie näher an diesen Erdfleck herangetragen.
Nun konnte Vanora erkennen, dass es sich um eine Insel, oder zumindest um etwas Insel förmiges handeln musste. Die junge Frau musste schmunzeln. So ein Glück konnte ein Mensch doch nicht haben. Sie war nicht nur bis hier hin von den Wellen und vom Wind getragen worden, nein, diese versprachen sie auch noch ein ganzes Stück an die Insel heran zu tragen. Dies war nicht verwunderlich. Je näher sie an die Insel herankam, je weiter trugen sie die Wellen dem Ufer entgegen. Mit der Zeit wurde die Insel immer größer und bald konnte Vanora einen Strand und auf der einen und anderen Seite des Strandes, Felsenklippen erkennen. Wellen schwappten den Strand empor und trieben Vanora nah ans Ufer heran. Nun war es nicht mehr weit. Die letzten Meter vorm rettenden Ufer entfernt löste Vanora sich vom Holzbalken und legte dieses Stück selbstständig zurück. Verbissen kämpfte sie gegen die Brandung an, die sie immer wieder zurück ins Meer zerren wollte. Irgendwann hatte sie es endlich geschafft und festen Boden unter den Füßen. Mit letzter Kraft kroch sie den Strand so weit empor, wie ihre Kraftreserven dies zuließen. Nun würden sie die Wellen nicht mehr so leicht zurück ins Meer reißen können.
Vanora atmete glücklich und erleichtert auf. Sie war gerettet. Das Mädchen lächelte. Kurz darauf brach sie erschöpft zusammen und fiel in einen tiefen Schlaf.
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Eine sanfte Brise umschmeichelte ihre Nase. Allmählich wurde Vanora wach. Es roch nach der kühlen Meeresluft.
Tief holte die junge Frau Luft und füllte ihre Lungen mit dem wichtigen Lebenselixier.
Kurz darauf öffnete sie vorsichtig die Augen. Vanoras Lippen kräuselten sich in einem glücklichen Lächeln. Sie lebte. Ein weiteres Abenteuer konnte beginnen.
Als Vanora sich vollkommen an das Licht gewöhnt hatte blickte sie sich langsam und gespannt im Zimmer um.
Lange weiße Vorhänge wehten in einem leichten Windhauch. Hinter den Vorhängen schienen Fenster, oder zumindest Öffnungen zu sein, um an die frische Luft zu gelangen. Das Zimmer war in hellen und warmen Farben gehalten. Viele Gegenstände gab es hier nicht. Einen Tisch, zwei Stühle, eine Truhe, einen steinernen Vorsprung um Kleinigkeiten abzulegen und ansonsten nur noch das Bett. Auch gab es keine Türen oder Fenster.
Vanora runzelte die Stirn. Wo war sie?
Kaum hatte sich diese Frage in ihr Bewusstsein gestohlen, als eine Frau durch den Vorhang trat und sie gutherzig lächelnd ansah. Vanora setzte sich im Bett auf und blickte die Frau überrascht an. Sie hatte so viele Fragen. Aber vor allem wollte sie sich bedanken. Anscheinend war die Frau nämlich einer der Menschen, der sie am Strand gefunden und hier her gebracht haben musste. Und endlich stahl sich auch auf Vanoras Lippen ein Lächeln.
Das Lächeln der Frau wurde noch fröhlicher und gutmütiger.
Beide blickten sich eine Weile schweigend an, bis die Frau mit einer beruhigenden Geste auf Vanora zukam. In der Hand trug sie einen Krug mit einer Flüssigkeit und hatte über den Arm ein Tuch gelegt.
Sie goss das Wasser in eine Schale auf einem steinernen, als Nachttisch dienenden, Vorsprung neben dem Bett. Vorsichtig nahm sie Vanora ein kleines Tuch von der Stirn, legte dieses ins Wasser und ließ es die kühle Feuchtigkeit aufnehmen. Bevor die junge Frau es wieder zurück auf Vanoras heiße Stirn legte, wrang sie es sorgfältig aus und tropfte ein paar Spritzer eines Öls auf das Tuch.
Als dieses wieder auf Vanoras Stirn lag, wurde die junge Gelehrte von wohltuenden Dämpfen eingefangen.
Ruhig lies sie sich wieder in ihre Kissen fallen, schloss die Augen und fiel bald in einen ruhigen und Gesundheit bringenden Schlaf.
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Nach langer Zeit – Vanors Zeitgefühl war immer noch nicht zurückgekehrt – erwachte die Schiffbrüchige wieder aus ihrem langen und Traumlosen Schlaf. Verschwommen erinnerte sie sich an die Frau, welche in ihr Zimmer gekommen war. Nun saß eben jene neben ihrem Bett und schien an einer Handarbeit zu werken.
Vanora richtete sich vorsichtig im Bett auf. Die weichen Decken und Kissen erschwerten ihr dies zwar, dennoch waren diese angenehm für ihren verwundeten Körper. So konnte Vanora wenigstens für ein paar Augenblicke die Schmerzen vergessen, welche in ihrem Leib wüteten. Beim Aufsetzen musste sie leicht stöhnen.
Durch den leisen laut alarmiert blickte die Pflegerin auf und legte ihre Handarbeiten beiseite. Ruhig stand sie auf und ging zu Vanora. „Oh, ihr seid aufgewacht.“ Ihr Lächeln wurde wieder breiter und entspannter.
„Ja. Doch, wo bin ich?“ Vanora schüttelte verwirrt den Kopf. „Und wer seid ihr?“
Die Augen der Fremden strahlten regelrecht Freundlichkeit, Liebe und Geborgenheit aus, als sie Vanora betrachtete und antwortete: „Du bist hier am Ende des Wasserfalls. Und ich bin Aislinn. Verratet ihr mir auch euren Namen?“ „Oh“, Vanora lief rot an. „Verzeiht bitte. Mein Name ist Vanora Aimhrea. Doch nennt mich doch bitte einfach nur Vanora.“ Vanora senkte ihren Blick.
„Ja, der Name passt zu dir.“ Nachdenklich und vor sich hin murmelnd fügte sie dann noch hinzu: „weiße Woge.“ Ehe sie wieder etwas lauter sprach. „Bitte nenne mich Aislinn.“ „Aislinn, ja.“ Wiederholte Vanora. „Hast du mich gefunden und gepflegt?“ „Ja. Ich habe dich gefunden und über deinen Schlaf gewacht. Du hast lange geschlafen. Sicher hast du Hunger.“
Erst als Aislinn von Essen sprach, bemerkte Vanora die Leere in ihrer Mitte. Es war lange her, seit sie das letzte Mal etwas gegessen hatte. Vanora konnte sich schon nicht mehr daran erinnern, wann es das letzte Mal gewesen war, seitdem sie etwas zwischen die Zähne bekommen hatte. Hatte sie auf dem Schiff überhaupt etwas gegessen? Sie konnte sich einfach nicht erinnern.
Endlich hob Vanora ihren Blick und beantwortete Aislinns Frage. „Ja, den habe ich.“ „Gut.“ Aislinn lächelte und ihre Augen strahlten freudig. „Kannst du aufstehen? Dann zeige ich dir wo du bist und bringe dich in unseren Essenssaal.“
Vanora hob unsicher Hände und Schultern. „Ich weiß es nicht. Ich würde aber gerne aufstehen.“
Auf diese Worte hin ging Aislinn näher zu Vanora und half ihr vorsichtig aus dem Bett. Behutsam stützte sie Vanora und half ihr ein paar Schritte zu gehen. „Möchtest du dich zunächst etwas frisch machen oder lieber erst etwas essen?“
Vanora blickte an sich hinab. Sie trug ein langes, beigefarbenes, weiches Gewand. An den Füßen trug sie nichts. Doch dies machte nicht viel aus, denn der Boden war angenehm warm. „Ich weiß nicht. Kann ich mich denn so draußen blicken lassen?“ Besorgt blickte sie Aislinn an. Doch diese lachte nur über die Sorge der anderen. „Oh, tut mir leid. Aber natürlich kannst du das. Verzeih mir, dass ich lache. Es ist für mich nur eine absurde Frage. Ich hätte nie damit gerechnet, jemals eine solche Frage gestellt zu bekommen.“ Sie lachte Vanora freundlich und gutherzig an. „Hab keine Angst. Was du trägst, dient uns zwar meistens als Nacht- und Untergewand, doch heißt dies nicht, dass wir solche Kleider nur des Nachts tragen.“ Nach einer kurzen Pause, die Reaktion von Vanora beobachtend, fügte sie allerdings noch hinzu, da sie merkte, das Vanora sich so nicht ganz wohl zu fühlen schien: „Aber wenn du magst, gebe ich dir gerne ein anderes Kleid.“ Vanora nickte nur still und betrachtete nun auch ausgiebig Aislinn, während diese zu einer Truhe hinter dem Bett ging, sich bückte und etwas hervor holte.
Sie war eine hübsche Frau. Lange, goldene Locken fielen ihr über den Rücken. Mit einer dünnen Kordel waren diese zu einem lockeren Zopf zusammen geflochten. Ihre zierlichen Gesichtszüge, sowie ihre ausdrucksstarken, dunkel braunen Augen, verrieten, dass Aislinn ein fröhliches, sanftmütiges, Wesen war, welches niemandem etwas zu Leide tun konnte.
Von ihren Schultern fiel in sanften Wogen, ein blaues, fein gewebtes Gewand. Um ihren Hals hing eine Kette, aus einem ledernen Band, an welchem eine kleine Muschel angebracht war.
An den Füßen trug sie nichts. Sie war ebenso wie Vanora Barfuß. Bis zu den Knöcheln reichte ihr Kleid.
Kaum hatte Vanora ihre Beobachtung abgeschlossen, als Aislinn wieder zu Vanora kam. Sie hielt ein dunkelgrünes, leinenes Kleid in den Händen. „Dies müsste dir passen. Soll ich dir helfen?“ Vanora nahm das Kleid entgegen. „Ja, bitte.“ Als sie dieses Wort aussprach, fiel es ihr wie Schuppen von den Augen. Sie hatte sich ja noch gar nicht bedankt! „Danke. Danke für alles.“
Aislinn war gerade dabei Vanora das Kleid über das Untergewand zu ziehen, als jene diese Worte aussprach. Nun war es an ihr rot zu werden und auf den Boden zu blicken. „Oh, bitte.“ Sie war es nicht gewohnt, dass sich jemand bedankte. In ihrer Gesellschaft war es schließlich üblich, dass jeder zum Leben der Gemeinschaft etwas bei trug. So dass ein stetiges hin und her von geben und nehmen herrschte.
Die letzten Schnüre schließend, stand Aislinn dann wieder auf und blickte Vanora an. „Es steht dir sehr gut. Wie fühlst du dich?“ „Danke.“ Vanora lächelte und hielt einen Moment inne, ehe sie antwortete. „Ich glaub ich fühle mich ziemlich ausgeruht. Zwar noch verhältnismäßig entkräftet, aber ich denke es könnte daran liegen, dass ich lange nichts mehr gegessen habe.“ „Nun, dann werden wir dies schleunigst ändern.“ Fröhlich lächelnd nahm Aislinn Vanora an die Hand und zog sie hinter sich her.
Zunächst zügig und dann gemächlich, führte sie Vanora an die frische Luft.
Vanora staunte. Mit so einem Anblick hatte sie nicht gerechnet.
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Vanoras Blick fiel direkt auf einen tosenden Wasserfall, welcher in einem kleinen See mündete. Prächtig ergossen sich die Wassermassen und fingen die Sonnenstrahlen des Nachmittags ein. Vanora staunte. Vor allem, da ihr erst in diesem Augenblick der gewaltige Hall des fallenden Wassers bewusst wurde.
Langsam drehte sie den Kopf. Zu beiden Seiten liefen Felsen entlang, in welchen Höhlen eingelassen waren. Zu ihrer linken hin, endete die Felswand allerdings bald in einer Treppe und führte mit dieser langsam immer weiter in die Tiefe hinab. Zu ihrer rechten erstreckte sich ebenfalls bald eine Treppe, welche auf eine höhere Ebene zu führen schien.
Vor ihr befand sich eine dünne Steinmauer, welche man gut überblicken konnte. Vanora ließ ihren Blick weiter schweifen. In der Ferne sah sie einen Wald und ein gutes Stück dahinter konnte sie das glitzernde Meer erblicken. Von diesem her wehte leicht salzige Luft herüber.
Aislinn hatte sich zu Vanora gestellt. Lächelnd beobachtete sie Vanoras Reaktion und ließ ihr so viel Zeit, wie sie brauchte um alles zu bestaunen und aufzunehmen. „Ja, es ist hier sehr schön.“ Sprach sie nach einiger Weile. Vanoras Reaktion ließ schließlich keinen anderen Schluss zu, als dass ihr dieser Ort gefiel.
Vanora konnte nur nicken. Sie kam überhaupt nicht aus dem Staunen heraus. Alles war freundlich und hell. Es wirkte lebendig vor allem, da alles blühte. Sie lächelte glücklich.
Erst nach einer ganzen Weile konnte Vanora ihren Blick von ihrer Umgebung abwenden und diesen auf Aislinn richten. „Es ist wundervoll hier.“ Mit weit geöffneten, bewundernden Augen blickte Vanora Aislinn an. „Ja. Doch dies ist noch nicht einmal das wundervollste. Wir haben einen noch schöneren Ort. Vielleicht werde ich ihn dir zeigen.“ Bei diesen Worten horchte Vanora auf. „Mir zeigen? Was für ein Ort?“
„Du wirst schon sehen.“ Sprach Aislinn verschwörerisch. „Doch nun solltest du erst einmal etwas essen. Und dann zeige ich ihn dir, sobald du bei Kräften bist und die richtige Stunde dafür herein bricht.“ Noch im Reden ging sie weiter und zog Vanora mit sich.
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Aislinn führte Vanora in eine große Höhle. Im inneren dieser hatte man in spiralförmig Tische und Stühle aufgestellt. Die dünnen Vorhänge ließen viel Tageslicht in die Höhle. Um allerdings die Dunkelheit auch aus den tiefsten Winkeln und Ecken zu treiben, hatte man überall im Raum Spiegel und Reflektierende Kristalle angebracht. Durch diese strahlte das Licht in allen möglichen Farben. Hier und dort entstanden regelrecht Regenbögen. Es war ein fantastischer Anblick. Vanora war so gerührt, dass sie vor Freude in die Hände klatschte, alles strahlend besah und ein leises Quietschen von sich gab.
In der Zwischenzeit lief Aislinn in eine angrenzende Höhle. Vanora bemerkte von all dem nichts. Erst als Aislinn Vanora am Arm fasste und sie an einen Tisch führte, fügte sie sich wieder in die Zeit ein.
Auf dem Tisch vor ihr stand ein Krug mit einer klaren Flüssigkeit. Zwei Gedecke, bestehend aus Gläsern, Teller und hölzernen Gabeln, standen sich jeweils gegenüber. In der Mitte von beiden befand sich eine Platte, auf welcher Brot, Gemüse und Obst, sowie etwas Käse-ähnliches und etwas Fisch lagen.
„Greif zu und lass es dir schmecken, Vanora.“ Aislinn führte die Fremde zu einem der Stühle und setzte sich auf den gegenüberliegenden Platz.
Beide gaben sich von den Speisen auf, gossen sich etwas der klaren Flüssigkeit – wie es sich für Vanora herausstellte, war es Wasser – ein und ließen es sich schmecken.
Vanora war überwältigt. Nicht nur vom Anblick der Umgebung und vom Geschmack der Speisen, nein auch von den Dingen, welche Aislinn ihr erzählte. In Kürze erfuhr Vanora all das, was die Kultur ausmachte, in der Aislinn lebte. Schon bei den ersten Sätzen dieser Erzählung wusste Vanora genau, dass sie hier viel lernen konnte.
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Nach einiger Zeit waren die beiden fertig mit dem Essen und Aislinn führte Vanora wieder aus der Halle hinaus und ins Freie. „Wie fühlst du dich? Bist du noch kräftig genug für einen kleinen Abendspaziergang?“ „Abendspaziergang?“ Vanora krauste in freudiger Erwartung die Stirn. „Aber natürlich. Ich fühle mich momentan ziemlich kräftig.“ „Umso besser.“. schmunzelte Aislinn. „Dann komm mit. Ich möchte dir etwas zeigen. Eines der zweit schönsten Dinge hier.“
Aislinn führte Vanora an den Felsen entlang. Nach einiger Zeit erklommen sie zwei Treppen und stießen nach einigen Augenblicken auf die Stelle, an welcher sich das Wasser in die Tiefen ergoss. Sie hatten das obere Ende des Wasserfalls erreicht.
Für Vanora war das Laufen immer noch anstrengend. Daher war sie nicht dazu gekommen die Frage zu stellen, die in ihrem inneren brannte. Auch Aislinn hatte auf Vanora Rücksicht genommen und deshalb auf dem Weg die Geschichte ihres Volkes an Vanora weitergegeben. In der Kristallkammer hatte sie schließlich gemerkt, wie viel Freude es Vanora bereitete solche Dinge zu erfahren. Bei solch einem Zuhörer bereitete es Aislinn noch viel mehr Spaß, als sonst all diese Geschichten zu erzählen, welche sie so sehr liebte.
Als sie endlich an ihrem Ziel angelangt waren, stellte Vanora ihre Frage. „Du sagtest, eines der zweiten schönsten Dinge hier? Was meintest du damit?“ „Nun, wenn du morgen sehr früh aufstehen magst werde ich dir das schönste Ereignis zeigen.“ Vanora blickte Aislinn fragend an. Doch diese schüttelte nur den Kopf. „Warte einfach ab. Mit Worten kann man es nicht beschreiben.“
Dann standen die beiden still da und betrachteten die Sonne, die merklich immer mehr und mehr dem Horizont entgegen sank, die Felsen in ein rötliches, warmes Licht ein tauchte und langsam aber stetig ins Meer zu sinken schien. Es war herrlich.
Als die Sonne schließlich verschwunden war und die beiden jungen Frauen von Dunkelheit eingehüllt wurden, kam der Mond mit seinen zahlreichen kleinen Begleitern hervor und funkelte in voller Pracht.
„Wie schön“ seufzte Vanora. „Wenn das nur das zweit schönste ist, möchte ich unbedingt wissen, was das schönste ist. Ich kann mir kaum vorstellen, dass es etwas noch schöneres gibt.“
Aislinn lächelte. Sie wusste genau, dass Vanora dies gefallen würde. „Ich werde es dir zeigen. Doch bedenke, dass Schönheit etwas sehr subjektives ist.“ „Ja, ich werde es beherzigen. Doch ich glaube ich möchte jetzt lieber Schlafen und den morgigen Tag abwarten. Ich danke dir für diese wundervollen Stunden.“
Aislinn lächelte. Diesmal wurde sie nicht rot. Allmählich gewöhnte sie sich an die Art der Fremden.
Vorsichtig führte die Einheimische Vanora die Treppen hinab und in ihre Schlafhöhle zurück.
„Brauchst du noch irgendwas? Kann ich dir noch irgendetwas Gutes tun?“ fragte sie, nachdem sie Vanora beim umziehen geholfen hatte.
„Nein, danke. Ich denke außer Schlaf brauche ich momentan nichts.“ Mit einem Lächeln auf den Lippen sank Vanora in ihre Kissen zurück und schloss die Augen, als Aislinn mit einem Gute-Nacht-Gruß die Höhle verlassen hatte. Vanora blieb noch nicht einmal mehr die Möglichkeit über die letzten Stunden nachzudenken. Denn schon wenige Augenblicke später fand sie sich in der Welt der Träume wieder.
Früh am nächsten Morgen, noch vor Sonnenaufgang, wurde Vanora sanft von Aislinn geweckt. „Steh auf, kleine Welle. Der neue Tag erwartet dich.“ Flüsterte sie leise.
Vanora hatte gut geschlafen und fühlte sich wohl und sehr ausgeruht. Fast wie neugeboren. „Guten Morgen.“ brachte sie ebenfalls leise über ihre Lippen. Doch Aislinn legte nur den Finger auf die Lippen. „Vor Sonnenaufgang und nach Sonnenuntergang ist es bei uns Brauch zu schweigen. Dieser Zeitraum ist die Zeit der Stille. Der Moment der Nachtruhe.“
Vanora verstand, was Aislinn ihr sagen wollte. Sie nickte nur und setzte sich im Bett auf. Langsam ließ sie die Beine aus dem Bett baumeln und stand bald darauf auf.
Aislinn half ihr wiederum beim Ankleiden und führte sie dann hinaus ins Freie.
Wie die beiden befanden sich nun viele andere Menschen auf den steinernen Wegen. Gestern war sie keinem Menschen begegnet. Heute sah Aislinns Volk zum ersten Mal.
Die meisten von ihnen waren in dunkel blaue, dunkel grüne oder braune Gewänder gehüllt. Einzig eine Person trug ein weißes Gewand.
Nach einiger Zeit kristallisierte sich eine klare Formation heraus. Jeder schien seinen Platz zu haben. Vanora blieb bei Aislinn und diese lächelte ihr ermutigend zu.
Die Person im weißen Gewand bildete den Anfang des Zuges. Jeder konnte sie sehen.
Nach einer kurzen Verbeugung aller zum Wasserfall, setzte sich der Zug in Bewegung. Langsam ging es höher und höher. Hinauf zu der Stelle, welche Vanora schon am Vortag besucht hatte, um den Sonnenuntergang zu beobachten. Doch nun blieben die Menschen nicht stehen, sondern folgten einem steinernen Pfad. Mit der Zeit wurde dieser steiler und steiler. Zunächst führte er direkt am schnell fließenden Bach vorbei, welcher den Wasserfall nährte. Kurz darauf überquerte der Pfad den Bach auf einer hölzernen Brücke und verlor sich zwischen Felsen. Es war eine leise Prozession. Ab und an konnte man nur leise einen falsch gesetzten Schritt vernehmen. Ansonsten schlichen diese Menschen lautlos durch die Nacht.
An Stellen, wo der Weg zu steil werden würde, hatte man vor Urzeiten Treppen in den Fels gehauen. Lange zog sich der Weg und schlängelte sich wie eine Schlange durch Felsen.
Nach einer ganzen Weile lichteten sich endlich die Felsen und die Menschen traten auf ein Plateau und blieben stehen.
In der Nähe konnte Vanora das leise Plätschern von Wasser vernehmen. Doch alle kehrten diesem den Rücken zu.
Dann begann es. Viele hielten die Luft an und standen einfach nur starr und still da und ließen die nächsten Augenblicke auf sie wirken.
Gemächlich begann die Sonne aus dem Meer aufzugehen. Zögernd stahlen sich die ersten Lichtstrahlen des neuen Tages auf das Plateau und erhellten die Gesichter der Anwesenden. Höher und höher stieg der Lichtball. Bald leuchtete die Hochebene und die Dunkelheit war vertrieben. Ein raunen ging durch die Menge und diese drehte sich freudig um.
Nun wusste Vanora, was es war. In der Mitte des Plateaus befand sich ein kleiner See, in dessen Mitte ein Geysir sprudelte. Warmer Dampf glänzte auf der Wasseroberfläche und hüllte die weiße Gestalt ein, die dicht am Ufer stand
Bald hatte die Sonne den richtigen Punkt erreicht. Die weiße Gestalt hob etwas Glitzerndes in die Höhe und sprach einige zeremonielle Worte. Diese verstärkten den Effekt, welcher sich den Anwesenden bot, noch zusätzlich. Über dem See erhob sich eine spirituelle Aura von Hoffnungen, Zufriedenheit und Ehrfurcht. Vanora fühlte sich leicht wie eine Feder und hatte das Gefühl jeden Augenblick los schweben zu wollen. Sie fühlte sich entspannt, ausgeruht, vor allem aber glücklich.
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Als die beiden Frauen dann mit all den anderen Bewohnern zum Tal zurückgingen, wusste Vanora, dass sie in der nächsten Zeit viel würde lernen können. Aus diesem Grund fragte sie Aislinn: „Kann ich deine Schülerin werden?“
Aislinn blickte Vanora erschrocken an. „Meine Schülerin? Aber, ich bin doch gar keine Lehrerin. Ich bin selbst eine Schülerin. Wir alle lernen noch. Vor allem von unserer weisen Mutter. Ich werde dich gerne zu ihr bringen.“
Vanora betrachtete Aislinn verwundert. „Zu eurer weisen Mutter? War das die Gestalt im weißen Gewand? Meinst du, sie wird mich neue Dinge lehren?“ Vorsichtig hoben und senkten beide ihre Füße auf dem ausgetretenen Steinboden. „Ja, das wird sie sicher. Ich werde dich zu ihr bringen.“ „Danke, Aislinn. Das ist lieb von dir. Ich liebe es zu lernen.“ Vanora freute sich und verlieh dieser Freude mit einem glücklichen Lächeln Ausdruck.
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Ein paar Stunden später, brachte Aislinn Vanora zur weisen Frau ihres Volkes. Schüchtern trat Vanora in die Höhle der alten Dame ein. Diese begrüßte sie mit einem Lächeln und sprach: „Was kann ich für dich tun, mein Kind?“ Vanora wusste nicht recht, wie sie anfangen und wie sie die alte Dame ansprechen sollte. Daher lief sie leicht rot an und sprach mit einer Stimme, die eine gewisse Schüchternheit verriet: „Nun, ich komme zu euch um um euren Rat zu bitten. Ich habe von Aislinn einiges erfahren, doch würde ich gerne noch viel mehr erfahren und lernen.“ Vanora machte eine Pause und senkte den Blick. „Würdet ihr mich vielleicht als eine Schülerin bei euch aufnehmen? Ich werde tun was ihr wünscht. Ich würde nur gerne von euch lernen. Ich habe so viele Fragen. Ich möchte so viel Lernen.“
Wieder lächelte die Alte. „Ja, Kind. Fragen hat jeder. Doch muss jeder lernen diese zu zügeln. Fragen sind zwar da, um gestellt zu werden, aber dennoch sind sie nicht der einzige Weg um etwas zu Erfahren und zu lernen. Auch bringt dich deine Neugierde nicht unbedingt immer und überall weiter. Manchmal erschwert sie dein Leben nur noch zusätzlich. Du solltest als erstes lernen, deine Neugierde zu bändigen. Dann wirst du bald erfahren, dass sie auf diesem Weg mehr befriedigt werden kann.“
Vanora nickte. „Ja, ich verstehe. Aber, wollt ihr mir nun beibringen, was ihr wisst?“ Wiederum lächelte die Alte. „Ja, Kind. Das werde ich. Doch vorher möchte ich dir noch ein paar weitere wichtige Grundsteine mit auf den Weg geben. Zunächst einmal: Genieße das Leben. So wirst du sehr viel lernen. Lebe einfach. Des Weiteren vergesse nie: Um Dinge zu lernen, braucht es teilweise viel Zeit. Lerne dich in Geduld zu üben.“ Nach einer kurzen Pause fuhr sie fort: „Der wichtigste Grundstein betrifft allerdings das Wissen.“ „Das Wissen?“ „Ja, das Wissen. Ich werde es dir erklären und dir dann Zeit geben über dies in Ruhe nach zu denken.“ Die weise Frau blickte Vanora gutmütig aus tiefen haselnussbraunen Augen an.
„Stelle dir ein paar Fragen. Was ist Wissen? Was kann ein Mensch wissen?“ Vanora überlegte einen Moment und versuchte dann die Frage der weisen Frau zu beantworten: „Nun, ich denke ein Mensch kann das wissen, was er in seinem Leben gelernt hat.“ „Ja, in der Hinsicht, wie du Wissen wohl definierst mag es stimmen. Wenn du Wissen allerdings als das definierst, was du weißt. Was du wirklich weißt, was nicht widerlegt werden kann und auf jeden Fall richtig ist, kannst du nichts wissen.“ Die Alte machte eine Pause und fuhr dann fort: „Schau her. Alles was du denkst zu Wissen, beruht auf Theorien, die du als Wahr angenommen hast. Doch du kannst nicht Wissen, ob diese auch Wirklich der Wahrheit entsprechen. Deine Theorien sind zwar mit denen von anderen Vergleichbar, aber deshalb noch lange nicht wahr.“ Sie legte eine kurze Pause ein, damit Vanora ihr folgen konnte.
„Ich werde dir ein Beispiel geben. Es beginnt nämlich schon bei der Benennung von Dingen. Jede Sprache hat für alle möglichen Dinge einen oder teilweise auch mehrere Begriffe. Und doch bezeichnen sie das Gleiche. Aber von diesen Begriffen gibt es weder einen falschen, noch einen richtigen. Genauso verhält es sich beim Wissen. Wir stellen Theorien auf. Wir glauben, dass etwas richtig ist, oder genauer gesagt, so sein sollte. Doch Wissen können wir es nicht. Wir können zwar Gründe finden, die eine Theorie unglaubwürdiger erscheinen lassen als eine andere und genauso auch Gründe finden, die eine andere Theorie glaubwürdiger erscheinen lassen, aber wir können weder eine Theorie als vollkommen falsch oder gänzlich richtig erklären. Alles basiert auf Vermutungen.“ Die alte Frau holte kurz Luft und ließ sich tiefer in ihren Sessel sinken.
„Ich Frage dich, was kann der Mensch wissen? Gibt es irgendetwas?“ Vanora war verunsichert. „Ich weiß es nicht. Würdest du es mir sagen?“ Die Weise lachte und fuhr mit weiteren Beispielen fort: „Der Mensch kann nicht wissen, wie alt er ist, da er nichts sicheres über die Zeit weiß. Auch weiß er nichts Sicheres über die Welt, die ihn umgibt. Er stellt zwar jede Menge Beobachtungen und Vermutungen an, doch wissen tut er im Endeffekt nichts.“ Vanora nickte.
„Doch zurück zu den augenscheinlich falschen und richtigen Theorien. Du hast sicher schon davon gehört, dass man eine Theorie nie verifizieren kann. Warum? Ganz einfach. Man hat einfach nur noch keinen Grund gefunden, der gegen diese Theorie spricht.
Ähnlich schaut es mit den augenscheinlich falschen Theorien aus. Man hat vielleicht jede Menge gegen diese Theorie gefunden, aber es gibt genauso wie es bei den richtigen Theorien sicher etwas Falsches gibt, auch hier irgendwo ein Fünkchen Wahrheit. Und genau das ist es, was der Mensch findet. Der Mensch findet und entdeckt immer nur einen Keim, einen Funken der Wahrheit. Doch er wird nie die ganze Wahrheit finden und erst recht nicht begreifen können. Daher können Menschen nicht Wissen. Sie können lernen, aber nicht wissen. Menschen können Beobachten und dadurch lernen. Auch neue Theorien können sie aufstellen und Gründe gegen bestehende finden, doch wirkliches Wissen können Menschen nicht erlangen. Genauso können wir nicht Wissen, ob diese Theorie stimmt. Wir können es nur annehmen.“
Als sie glaubte, dass Vanora alles verstanden hat, entließ sie jene mit folgenden Worten: „Steh auf, gutes Kind und schau, was die Welt dir noch so zu bieten hat und denke über das nach, was ich dir gerade eben versucht habe zu erklären.“
Vanora nickte, bedankte sich, stand auf und trat aus der Höhle hinaus in den Sonnenschein.
Es war schwer zu begreifen, was die Alte ihr erzählte. Immer wieder und wieder ließ sie sich das eben gehörte durch den Kopf gehen. Erst nach einer Weile glaubte sie zu verstehen, was die alte Frau meinte und ihr versucht hatte näher zu bringen.
Genau in diesem Augenblick veränderte sich die Welt um sie herum. Gleißendes Licht hüllte Vanora ein und eine zarte Melodie erklang an ihren Ohren.
~
Dann war alles vorbei. Vanora spürte etwas Weiches unter sich. Langsam öffnete sie die Augen. Sie wurde geblendet. Doch da war ein Mädchen. Es war Aislinn. Neben ihr stand die alte Frau. Aislinn flüsterte leise: „Sie wacht auf. Gott sei dank. Sie hat es überlebt.“
Vanora blickte die beiden an. Was war geschehen? Vorsichtig sprach sie: „Aislinn, was ist geschehen?“
Doch Aislinn blickte sie nur verwundert an. „Woher kennst du meinen Namen?“ Die Alte warf ein: „Aislinn hat dich unten am Strand gefunden und gesund gepflegt. Willkommen bei uns.“
Nun verstand Vanora nichts mehr. Was war hier los? „Ja, das weiß ich, aber, was ist geschehen, nachdem ich bei ihnen war, gute Frau. Plötzlich umgab mich ein gleißendes helles Licht und eine Melodie ertönte. Und nun liege ich wieder hier in meinem Bett. Was ist geschehen?“Nun verstand die Alte und lächelte. Sie hatte einzig vier Worte als Erklärung. Und mit diesen ließ sie Aislinn und Vanora allein. Im hinausgehen wiederholte sie diese nochmals: „Die Macht der Träume…“
~ Ende ~
Wow, welch ein Schluss.
Liebe Laura,
habe gerade Deine spannende Geschichte gelesen.
sie hat mir gefallen.
Vor allem der Schluss ist genial.
Super.
Liebe Grüße
Ika
Liebe Ika,
wow! Also mit der Reaktion hätte ich nun nicht gerechnet. Vor allem wenn ich bedenke, dass dies meine erste “kurz”-Geschichte ist, die ich noch vor der Schreibschule (etwa ein Jahr davor) geschrieben habe.
Vielen Dank dir. Ich freue mich, dass sie dir so gut gefällt!
Alles Liebe
Laura
Liebe Laura,
die Geschichte gefällt mir schon sehr gut, allerdings ist sie mir eigentlich zu lang, um sie am PC zu lesen. Finde ich sehr anstrengend. Ich hätte sie wohl besser ausgedruckt, hatte aber eine so lange Kurzgeschichte nicht erwartet.
Die Geschichte ist schön geheimnisvoll und ab einem gewissen Punkt sehr spannend.
Stellenweise ist es mir allerdings zu detailliert, zieht es sich. So bin ich der Versuchung erlegen an den Stellen oberflächlicher zu lesen, Sätze zu überlesen. Sorry. Hier und da könnte man sie für meinen Geschmack ein wenig kürzen. Vom Inhalt her finde ich sie allerdings bezaubernd.
Ein schönes Ende!
Alles Liebe,
Martina
Liebe Martina,
ja ich lese auch nicht so gerne am Rechner. Vielleicht sollte ich bei einer Wortzahl über ka 1 DinA4-Seite ein PDF-Dokument zum Download anbieten? Auch zum drauf aufmerksam machen, dass hier ein längerer Text folgt? Ich kann es ja auch direkt für E-Book-Reader mit einstellen… weißt du, die Idee gefällt mir. Wozu habe ich denn die ganzen Programme, wenn ich sie nicht nutze? Ich glaube ich muss mir mal für Indesign ein schönes Layout für meine Kurzgeschichten erarbeiten.
Aber ich freue mich, dass dir die Geschichte dennoch gefällt. Vor allem mit den ganzen Schwächen, die noch drin stecken – mit dem langatmig hatte ich bereits vermutet. Ich denke auch, dass ich heute einiges anders schreiben würden. Andererseits dokumentiert so ein Werk dann auch gut, wie ich mich über die Jahre entwickelt habe. Danke dir!
Alles Liebe
Laura