Achtsamkeit, eine Tasse Tee und der tägliche Wahnsinn

Weg des Lebens

Gerade sitze ich vor meinem Laptop, will seit langem wieder die Blumen in meinem Weltengarten erblühen lassen und starre auf die weiße Seite vor mir. Meine Gedanken kreisen nicht mehr so wild wie noch vor ein paar Wochen, dennoch fühlt sich mein Kopf dicht an. Welche Worte soll ich nutzen? Wie finde ich die richtigen Bilder, die womöglich zum Nachdenken und Innehalten einladen? Muss ich das überhaupt?

Nein. Ich muss gar nichts. Aber ich kann alles, was ich möchte. So weit bin ich mittlerweile und doch stehe ich vor einer scheinbar unüberwindbaren Hürde: Wie lasse ich meine inneren Blockaden hinter mir und finde zu mir selbst?

Abwarten und Tee trinken

Eine abgedroschene Floskel, die ich mir schon viel zu oft gesagt habe. Abwarten. In der Zukunft wird es besser. Du brauchst nur Geduld, dann geht es auch wieder aufwärts. – Was habe ich getan? Abgewartet. Viele Stunden, Tage und Wochen sind so ins Land gegangen. Dann wieder habe ich mich dazu gezwungen aktiv zu sein. Die Dinge zu tun, die mir wichtig sind. Mich dadurch soweit unter Druck gesetzt, bis ich immer tiefer in mein Loch gesunken bin.
Wenn also weder abwarten, noch aktiv Kämpfen helfen, was kann ich tun?

Lange Zeit habe ich keine Möglichkeiten gesehen. Es gab nur zwei Wege. Nichts tun, mich zur Ruhe zwingen und abwarten oder eben so aktiv werden, wie möglich. Beides keine Perspektiven, die auf lange Sicht hilfreich sind. Innerer Zwang, Druck und Stress haben bei mir nur dazu geführt, dass ich die Hoffnung aus meinem Leben geschoben habe und nur noch dafür lebte, meinen eigenen Anforderungen halbwegs gerecht zu werden. Wobei ich mich immer wieder damit getröstet habe: „Du bist chronisch krank, es kann nicht alles klappen.“
Damit bin ich bei dem Punkt angelangt, über den ich bislang nicht öffentlich gesprochen habe. Viele wissen von meiner Erkrankung, aber ansehen tut man es mir nicht. Die meisten Ärzte verleugnen noch heute, dass es eine Erkrankung namens CFS (Chronic Fatigue Syndrome oder auch unter dem Begriff ME: Myalgic Encephalomyelitis bekannt – und vielen weiteren Bezeichnungen), mit der aktuellen Klassifikation der WHO G93.3 nach ICD 10, überhaupt gibt. Wenn ich eins gelernt habe, seit ich vor einem Jahr die Diagnose bekam, wobei bereits zu Studienzeiten die ersten Symptome spürbar wurden, dann sind es Ansichten wie diese, die einem das Leben schwer machen. CFS ist real. Die Symptome sind nicht eingebildet, auch wenn ich nicht abstreiten mag, dass neben biochemischen Prozessen sowie dem Immunsystem auch psychische Aspekte eine entscheidende Rolle spielen. Es heißt, CFS sei nicht heilbar. Es gibt keine Therapierichtlinien oder gesicherte Tests, um CFS einwandfrei nachzuweisen. Aber ich möchte hier nicht eine Abhandlung über diese Erkrankung schreiben. Dazu gibt es viele gute Internetseiten bspw. die Lost Voices Stiftung, die ausführliche Informationen bereit hält. An dieser Stelle möchte ich daher zurückkommen zu meinem eigentlichen Anliegen: Wie schaffe ich es, wieder zu mir selbst zu finden? Es war kein einfacher Weg und ich habe noch einen guten Teil der Strecke vor mir, doch der Anfang ist gemacht.

Der erste wichtige Punkt war die Erkenntnis, dass ich viel zu viel von mir selbst verlangt habe. Heute kann ich darüber nur den Kopf schütteln. Was ich mir auferlegt hatte, hätte ich nicht einmal geschafft, wenn ich vollkommen fit gewesen wäre. Meine To-do-Listen waren zu lang. „Noch mal eben schnell entspannen“ kann nicht klappen. Freunde und Familie sagten mehrfach zu mir, dass ich mehr tue, als sie selbst tun würden – natürlich konnte ich dies nicht glauben. Wenn ich schließlich auf meinen Tag zurück blickte, hatte ich zwar ein paar Punkte erledigt, aber noch viel, viel mehr auf meiner Liste, die ich erledigen sollte. Aufgaben, die ich mir selbst gesetzt hatte, ohne darüber nachzudenken, ob diese überhaupt sinnvoll wären. Alles nur, um mich halbwegs gut zu fühlen und nicht das Gefühl zu haben, komplett nutzlos zu sein.

Chronisch Krank und doch aktiv

All meine Gedanken waren darauf beschränkt, dass ich mir nicht den Stempel aufdrücken lassen wollte: „Krank.“ Ich wollte weiter funktionieren. Mein Leben so gut es ging selbst in der Hand halten und nicht irgendwann ans Bett gefesselt sein, wie es bei vielen CFS-Patienten der Fall ist. Zeitweise war ich aber so erschöpft, dass ich es zwar noch geschafft habe mich vom Bett zum Sofa, ins Bad und in die Küche zu schleifen, sonst aber kaum eine andere Tätigkeit als vom TV bedusseln zu lassen möglich war.

Durch Instagram, einige Bücher sowie Erfolgsgeschichten, die es im WWW zu finden gibt, wusste ich, dass eine komplette Wiederherstellung möglich ist. Doch zunächst konnte ich nicht so recht daran glauben, dass es auch bei mir funktioniert. Anfang Februar war damit Schluss. So ging es nicht weiter. Ich brauchte eine neue Hoffnung und einen neuen Weg. Bis zu diesem Punkt war mein Ziel: Zurück in mein altes Leben. Ich wollte wieder arbeiten, aktiv sein und so weiter machen, wie vor meiner Erkrankung.

Natürlich konnte das nicht funktionieren. Ich war perfekt darin, mich selbst unter Druck zu setzen. Mir mein Leben so schwer zu machen, wie nur möglich, um so viel zu erreichen, wie irgendwie machbar. Als Biologin hätte ich es besser wissen können. Aber all die Dinge, die ich im Studium über Stress gelernt habe, hatte ich erfolgreich verdrängt.
Durch Stress werden nicht nur die Reparaturmechanismen vom Körper ausgeschaltet, sondern auch Hormonkaskaden und viele andere biochemische Reaktionen in Gang gesetzt, die auf Dauer schädlich sind. Schmerzen, Erschöpfung, Konzentrationsprobleme sind nur ein paar der Symptome. – Nichts, was ich bis zum Ende meines Lebens behalten wollte. Wie aber sollte ich es schaffen, da jemals wieder rauszukommen?

Dann hat es klick gemacht …

Wenn ich wieder gesund werden will, komme ich erst weiter, sobald ich aufhöre, auf der Stelle zu treten. Dieses „zurück in mein altes Leben“ funktioniert nicht. Mein Weg kann mich nur weiter führen, aber er macht keinen Bogen in Richtung Anfang. Ich habe mich an mein altes Leben geklammert. An das, was ich früher hatte und es ließ mich immer tiefer sinken. Es musste also etwas Neues her. Damit war der Gedanke geboren, dass ich nicht länger „zurück“ will. Vielmehr begriff ich, dass es an der Zeit war, mich selbst zu finden und neu aufzubauen. Meine Erkrankung zu nutzen, um zu lernen. Lernen, was ich wirklich will. Wer ich bin, wohin mein Weg mich führen mag und viele andere Aspekte, die ich erst nach und nach begreife.

Weg des Lebens
verschlungene Wege, wie sie das Leben schreibt

Bis Anfang Februar hatte ich funktioniert. Das getan, was von mir erwartet wurde. So gut ich konnte. Meistens war es ausreichend für die anderen, aber für mich selbst war es oft nur eine kurze Erfüllung, bevor ich mich in die nächsten Aufgaben gestürzt habe, um dieses Gefühl wieder zu erleben. Mittlerweile habe ich gelernt, was es bedeutet mit sich selbst achtsam umzugehen. Eine Tasse Tee in Ruhe zu genießen, den Blumen im Garten beim wachsen zuzusehen und neue Perspektiven zuzulassen.
Mein altes Leben möchte ich nicht länger zurück. Es ist Zeit für neue Möglichkeiten. Seit meinem Umdenken höre ich darauf, was mir mein Körper sagt. Ich achte darauf, was ich tue, überlege genauer, worauf ich mich einlasse und entscheide dann, welchen Weg ich gehen möchte. Noch stehe ich am Anfang meines Weges, aber ich kann schon jetzt erste Erfolge feiern. Ich liege nicht länger den Großteil des Tages auf dem Sofa, sondern schaffe es die meiste Zeit aufrecht zu sitzen. Erste Schmerzlevel gehen zurück, ich bin ruhiger und meine Gedanken kreisen nicht länger wie ein Falke über meinem Garten.

Es ist nicht einfach zu beschreiben, wie ich meinen Weg gehe, aber in meinen nächsten Beiträgen möchte ich dies versuchen. Dabei will ich mich nicht auf CFS beschränken, sondern vielmehr erzählen, wie ich es schaffe, wieder zufriedener zu werden und zu mir selbst zu finden. Achtsamkeit und Stressreduzierung spielen dabei eine entscheidende Rolle. Mittlerweile bin ich davon überzeugt, dass ich vollkommen genesen werde und ein aktives Leben, zu meinen eigenen Bedingungen, führe.

Wie sieht es mit dir aus?

Jeder hat eigene Dämonen, die versuchen das Leben schwer zu machen. Da muss es sich nicht um Krankheiten handeln. Vielleicht ist auch für dich die Zeit angebrochen, wo du neue Wege beschreiten möchtest oder vielleicht musst? Was hilft dir, deine Vorhaben in die Tat umzusetzen, ohne dich dadurch zu stressen? – Falls der eine oder andere Denkanstoß für dich dabei ist, freue ich mich natürlich auch über eine Rückmeldung.

Ausblick

In meinem nächsten Beitrag zeige ich dir meinen Traumbaum. Träumst du ebenso gerne wie ich? Oder verlierst du dich lieber in Tagträumen und lässt die Möglichkeiten verstreichen, die sich dir bieten, wie mein Leben bislang aussah? Lass uns gemeinsam meinen Baum betrachten und mit den Samen-Schmetterlingen fliegen lernen.

6 Gedanken zu “Achtsamkeit, eine Tasse Tee und der tägliche Wahnsinn”

  1. Ich würde gerne etwas dazu schreiben, liebe Laura. Entschuldige. Ich komme gerade im Moment leider nicht dazu. Vielleicht schaffe ich es an einem anderen Tag.
    Auf jeden Fall verstehe ich dich sehr gut und ich drück dich. Du bist auf einem guten Weg, denke ich.
    Alles Liebe,
    Martina

    • Liebe Martina,
      Vielen Dank für deine Worte. Mach dir bitte keinen Stress. Das gehört für mich auch absolut zur Achtsamkeit. Ruhe, Gelassenheit und auf sich selbst achten. Wenn es heute nicht passt, vielleicht passt es morgen und wenn nicht, dann ist das auch in Ordnung. Aber nicht deshalb stressen bitte. Da brauchst du dich auch nicht entschuldigen *drück*
      Auch ich selbst halte mich daran. Deshalb möchte ich trotzdem noch wieder bei dir lesen und auch hier den nächsten Beitrag schreiben. Aber im Moment passt beides nicht. 🙂
      Also Kopf hoch und ich freue mich wahnsinnig über deinen Kommentar. Er hat mich gut zum Lächeln gebracht, obwohl mich heute abend einiges nervt.

      Ich wünsche dir alles Liebe und eine gute Nacht
      Laura

  2. Liebe Laura,

    CFS sagte mir auf den Moment nichts, aber bei deiner Aussage:

    “ CFS ist real. Die Symptome sind nicht eingebildet, auch wenn ich nicht abstreiten mag, dass neben biochemischen Prozessen sowie dem Immunsystem auch psychische Aspekte eine entscheidende Rolle spielen. Es heißt, CFS sei nicht heilbar. Es gibt keine Therapierichtlinien oder gesicherte Tests, um CFS einwandfrei nachzuweisen.“

    da klingelte sofort etwas in mir, etwas sehr Vertrautes. Denn diese Beschreibung passt auch auf das Krankheitsbild der Fibromyalgie, die ebenfalls nicht nachweisbar ist, von daher von den Ärzten in der Regel gar nicht erst als Möglichkeit zur Diagnose von Beschwerden in Betracht gezogen wird.
    Auch hier sind bleierne Müdigkeit, Antriebslosigkeit, depressive Verstimmungen, und körperliche Beschwerden ein fester Bestandteil des Krankheitsbilds.
    Der Leidensweg ist lange, viele Jahre Arztbesuche immer mit der gleichen Aussage: alles in Ordnung, die Blutwerte unauffällig, Blase unauffällig, die ständigen Rückenbeschwerden werden mit „zu wenig Bewegung, Sport“ abgetan, zum Orthopäden geschickt, der findet auch nix, letztendlich meinte er, ich hätte Depressionen, die sollte ich erst einmal bekämpfen, darum würde die orthopädische Behandlung nicht greifen…( wobei ich keine Depressionen hatte, sondern nur starken, berechtigten Frust, weil nach seiner eineinhalb Jahre orthopädischen Behandlung die Beschwerden noch keinen Deut Besserung gebracht hatten, seufz)

    Dass es sich um Fibromyalgie handeln könnte, darauf machte mich mein Physiotherapeut aufmerksam, er hat mehrere Patienten mit diesem Krankheitsbild, und meine Symptome würden seiner Meinung nach eindeutig in diese Richtung zeigen. – Ich sprach es daraufhin beim Hausarzt an, doch der wiegelte ab, lenkte sofort das Gespräch um. Wieder einmal kam ich mir vor, wie ein Simulant 🙁
    – Ich hab mir dann ein Buch dazu kauft, ein Fibromyalgie-Ratgeber, und schon beim Lesen der ersten Seiten wurde mir klar: das passt tatsächlich genau auf meinen Gesundheitszustand der letzten Jahre. Da nicht behandelbar wird zur Reduzierung der Beschwerden empfohlen unbedingt täglich Phasen der Entspannung einzulegen, alles was Spaß macht verstärkt und öfters tun, und diese Entspannungsphasen als Therapiezeit, als „Medizin“ anzusehen, sich von dem Gedanken frei machen, dass Spaß haben nur geht, wenn man „Zeit dafür hat“… ich kanns nicht richtig gut rüber bringen jetzt, aber vielleicht verstehst du dennoch, wie ich es meine 😉 .

    Wichtig auch, wie du schon erkannt hast:, nicht zurückschauen und Wurzeln des Übels suchen, sondern nach vorne sich bewegen. Das müssen nicht unbedingt neue Wege sein, auch alte Wege, die wir „mangels Zeit“ abgebrochen haben, sind sicherlich interessant , um dort wieder anzuknüpfen und den Weg neugierig weiter zu gehen. Denn Leben heißt: Bewegung.
    – und wieder einmal kommt mir dabei das altvertraute Zitat ins Hirn:

    “ Der Weg öffnet sich, in dem wir ihn gehen … “

    er ist so simpel, und doch so wahr.
    Ich drück dich mal ganz fest, liebe Laura. Alles wird gut! Wir müssen nur neu lernen, es uns gut gehen zu lassen.

    Liebe Grüße,
    Wally

    • Liebe Wally,
      bitte entschuldige, dass ich deinen Kommentar erst heute freischalte und dir antworte. Ich freue mich sehr, hier von dir zu lesen!
      Die letzte Zeit war etwas zu viel anderes (eine Woche Charite, Wiedereingliederung vorbereiten usw). – Fibromyalgie ist für mich leider auch ein sehr bekannter Begriff. Die Diagnose hatte ich, bevor ich die Diagnose für CFS bekam (beinhaltet auch die Fibromyalgie Symptome).

      Oh man, was du erleben musstest habe ich schon sooo oft gehört und es tut mir so wahnsinnig Leid. Das diese Krankheitsbilder bei so vielen Ärzten immer noch nicht angekommen sind ist einfach nur traurig. Ich bin wieder einmal sehr froh, einen richtig guten Hausarzt zu haben, der mich nicht als Simulant hinstellt sondern im Gegenteil, spannend findet, wie es bei mir weiter geht und mir egal was ich brauche, die Hand reicht und guckt, was möglich ist.

      „Das müssen nicht unbedingt neue Wege sein, auch alte Wege, die wir „mangels Zeit“ abgebrochen haben, sind sicherlich interessant , um dort wieder anzuknüpfen und den Weg neugierig weiter zu gehen.“ – Das finde ich einen sehr wichtigen Gedanken von dir. Ich glaube es ist ein Gleichgewicht nötig, um Neues zuzulassen, aber auch alte Hobbys oder ähnliches, die man sehr zu schätzen weiß, weiterhin zu leben.
      Dein Zitat steht momentan in ähnlicher Variante auf unserem Wohnzimmertisch. Ich mag es auch sehr gerne und folge ihm zur Zeit.

      Ich wünsche dir auch alles Gute und drück dir die Daumen, dass die Symptome bald leichter bzw. besser erträglich werden.

      Alles Liebe

      Laura

  3. Jetzt verstehe ich, was du im Kommentar unter meinen Blog meintest. Ich hatte tatsächlich sehr ähnliche Erfahrungen. Dir viel Erfolg und ich bin gespannt, was ich hier noch zu lesen kriegen werde!

    • Liebe Johanna,
      danke dir. Ich bin auch gespannt, was ich hier noch teilen werde und natürlich, was ich bei dir zu lesen bekomme.
      Alles Liebe
      Laura

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