Eingeschränkt durch plotten?

Ausgetrocknet, nicht keimfähig – ohne Leben. So können sich nicht nur Samen anfühlen, sondern auch Texte. Aber warum? Weshalb gibt es Samen, aus denen keine Pflanze wird oder wo der Keimling früh verstirbt? Dafür gibt es mehrere Möglichkeiten: falsche Behandlung, unpassende Umweltbedingungen, genetische Defekte. In einem Gewächshaus ist es möglich die Temperatur, die Dauer des Lichts oder auch die Menge des Wassers zu ändern. Doch was ist mit Texten? Weshalb erwachen diese nicht zum Leben oder anders gefragt: wie ändere ich das?

Wenn ich annehme, dass die Buchstaben des Alphabets der genetische Code von meinem Text sind, dann gibt es viele verschiedene Sprachen mit Grammatik und Vokabeln. Halte ich mich an die Regeln dieser Sprache, dann kann ich bereits sicher sein, dass der Samen keimungsfähig ist. Doch das heißt noch lange nicht, dass meine Geschichte, mein Roman auch wächst und schließlich zum Leben erwacht. Aber warum nicht?

Zum Leben erwecken

Genau wie ein Keimling, trägt eine Idee bereits die Voraussetzungen in sich, die sie benötigt, um zu einer Geschichte heranzuwachsen. Doch auch ein pflanzlicher Embryo braucht Unterstützung von Außen. Licht (oder dessen Abwesenheit), ein bestimmter Temperaturbereich und Wasser gehören, neben Sauerstoff, dazu. Also wie kann ich meine Idee dazu bringen, die Keimruhe zu durchbrechen und zu einer blühenden Pflanze heranzuwachsen?

Es gibt viele unterschiedliche Techniken, um eine Idee zu einem tragenden Plot zu erweitern. Es kann eine MindMap erstellt, die Schneeflockenmethode genutzt oder einfach als Bauchschreiber drauflos geschrieben werden. Aber was ist, wenn ich mich dafür entscheide zu plotten? Der Idee die bestmöglichen Bedingungen zu schaffen, damit sie aufbrechen und die zarten Keimblätter der Sonne entgegen strecken kann.
Alle Hintergründe erarbeite ich mir in zahlreichen Details, ebenso wie ich dafür sorge, dass die Temperatur stimmt und ausreichend Licht zur Verfügung steht. Ich weiß genauso gut, was in der Literatur über mein Pflänzchen geschrieben steht, wie ich den Lebenslauf von jedem meiner Charaktere kenne. Alles ist perfekt. Es kann nichts mehr schiefgehen, oder?

Doch, das kann es. Zumindest mir ist es häufig passiert. Sei es im Labor, wenn in einer der Erdkulturen statt fünf Samen nur zwei keimen oder bei einer Idee die auf dem Papier – trotz aller Vorarbeit – nicht zum Leben erwachen will. Bei der Pflanzenanzucht kann man auf andere Samen zurückgreifen, aber bei den eigenen Kopfkindern möchte man das selten. Was also tun? Warum will mein Einfall nicht gelingen?

Überfürsorglichkeit? Zu Tode geplottet?

Es gibt Autoren, die kennen nicht nur die Hintergründe ihrer Geschichte bis ins kleinste Detail, sondern wissen, noch bevor sie ein Wort zu Papier bringen, wie jede einzelne Szene auszusehen hat. Ich gehöre nicht dazu. Es gab eine Zeit, da habe ich es versucht. Mag sein, dass die Idee nicht getragen hat, aber tief in mir sitzt die Überzeugung, dass ich mir selbst Fesseln angelegt habe und aus eigener Langeweile den Text nicht mehr schreiben wollte – ich kannte ihn bereits und hatte selbst nichts mehr zu entdecken. Also musste ich die Ausgangsbedingungen verändern: ich musste einen Weg finden, mich beim plotten nicht selbst einzuschränken.

Ich fing an zu überlegen. Wie konnte ich das anstellen? Als Bauchschreiber meine Texte entdecken? Für mich auf jeden Fall eine Möglichkeit, aber auch sehr viel Arbeit bei der Überarbeitung. Es musste einen Zwischenweg geben. Pflanzen wachsen schließlich auch nicht nur unter Laborbedingungen. Vielmehr müssen sie sich seit Jahrmillionen an wechselnde Umwelteinflüsse anpassen. Vielleicht konnte ich mir genau dies zu Nutze machen. So wie sich ein Samen anpasst, musste es auch meine Arbeitsweise tun. Manche Ideen erfordern mehr Hintergründe: Recherchen, ausgefeilte Charakterbeziehungen oder eine völlig fremdartige Welt, die man einem Leser näher bringen möchte. Andere brauchen nur wenig. Einen Funken, der Licht in die Dunkelheit bringt.

Für mich war es wichtig, die Fesseln abzustreifen. Darauf zu achten, meinen Einfall nicht zu viel und nicht zu wenig zu versorgen. Aber wie habe ich das angestellt?

Ein Weg? Mein Weg.

Ein neuer Weg ist immer ein Wagnis. Aber wenn wir den Mut haben loszugehen, dann ist jedes Stolpern und jeder Fehltritt ein Sieg über unsere Ängste, unsere Zweifel und Bedenken.
Demokrit

Am wichtigsten war, nicht aufzugeben. Immer wieder neue Wagnisse einzugehen. In Kauf zu nehmen, dass ich es nicht schaffe, einen Text zum Leben zu erwecken. Es gibt kein Patentrezept. Keine Lösung, die für jeden gilt. Sicher ist lediglich, dass du, ich – wir alle – unseren eigenen Weg gehen und finden müssen.

Mittlerweile habe ich ein ganz gutes Gefühl dafür entwickelt, was ich brauche, damit die meisten meiner Texte lebendig werden – bei allen gelingt es mir immer noch nicht. Aber noch ist mein Weg nicht abgeschlossen und ich bin zuversichtlich, dass ich die Zahl, der nicht keimenden Samen, weiter reduzieren kann. Hierbei hilft mir vor allem, dass ich mich selbst beobachte. Ich versuche bei jedem Projekt neu zu überlegen, was ich brauchen könnte und wenn ich es fertiggestellt habe, gehe ich zumindest in Gedanken durch, wie es gelaufen ist und was ich verbessern könnte.

Am Freitag habe ich meine Blitzsammler abgeschlossen. Seit dem 1. November 2015 hat mich der Roman begleitet. Zeitweise war es zähflüssig, ich hatte keine Lust weiter zuschreiben oder alles fühlte sich langatmig und langweilig an. Immer wieder habe ich in diesen Momenten versucht einen Schritt zurückzugehen. Habe überlegt, ob es am Plot liegt oder daran, dass ich mich zu sehr einschränke. An manchen Tagen waren meine Gedanken woanders. An anderen plagten mich Selbstzweifel und dann gab es wieder Phasen, in denen ich flüssig, ohne nachzudenken, die passenden Einfälle beim Schreiben hatte, wie es weiter gehen muss. Diese Erlebnisse wollte ich festhalten. Aber es ging nicht. Jeder Tag ist ein neues Abenteuer. Deshalb ist für mich am wichtigsten: nicht aufgeben und daran glauben, dass nach dem Regen wieder die Sonne scheint. Ein Keimling braucht beides und auch mir helfen sowohl die Tiefs als auch die Hochs beim Schreiben.
Inzwischen weiß ich, wenn ich die Fesseln meines Plots zu eng schnüre, muss ich sie lockern. Ist meine Idee zu löchrig und der Text schwammig, dann überlege ich Auswege, beschäftige mich mit anderen Dingen und versuche allgemein gesprochen meinen Blickwinkel zu ändern. Doch immer wieder komme ich auf meine Figuren, meinen Plot und meine Ideen zurück. Ich gebe nicht auf, gehe weiter, bis zum Ende meines Textes.

Ich brauchte den Mut scheitern zu können, um am Ende das Gefühl zu haben, die Buchstaben leben und sind zu einer gesunden Pflanze herangewachsen.

Wie sieht es mit dir aus?

Was sind deine wichtigsten Zutaten? Wie hast du es geschafft, deinen Weg zu finden?

Ausblick

Keine meiner Rohfassungen ist perfekt. Genau wie ein Rosenstrauch müssen diese gestutzt, beschnitten und gedüngt werden. Am Freitag, den 22.1. Montag, den 25.1. (sorry zu viel Stress), möchte ich zeigen, wie aus meinem wild wucherndem Busch ein Strauch voller Rosen wird.

 

P.s.: Eine kleine Geheimzutat habe ich noch: Motivatoren. Menschen, die liebe Worte finden, wenn ich sie brauche aber auch mal meinen inneren Schweinehund so richtig treten, wenn es nötig ist. Für diesen Beitrag möchte ich da ganz besonders einer Freundin von mir danken. Immer wieder hat sie die Anfänge gelesen und mir mit Ideen zur Seite gestanden, wenn ich mich selbst mal wieder in eine Sackgasse geschrieben hatte. Daher: Danke Rajou!

6 Gedanken zu “Eingeschränkt durch plotten?”

  1. Jetzt hast du mir gerade die Erklärung geliefert, warum ich mit Plotten so gar nicht zu Recht komme. Ich habe einen braunen Daumen, keine Pflanze überlebt bei mir lange. Und damit brauche ich wohl auch bei Geschichten den Wildwuchs, um die Geschichte nicht zu Tode zu pflegen.
    Ich habe lernen müssen, dass meine Geschichten es nicht mögen, wenn ich zu früh die Werkzeuge benutze. Das wäre genauso unsinnig, wie zu versuchen, einen Wildwuchs zu einem Formschnitt zu zwingen.
    Also lasse ich sie wuchern und freue mich an dem, was kommt.

    • Oh Rhia, du hast das wirklich schön ausgedrückt – ich lache gerade herzlich über deinen „braunen Daumen“. Danke! Das ist ein tolles Bild. Ich freu mich, dass dir der Wildwuchs genauso gut gefällt, wie mir. Ich merke auch immer wieder, wie wichtig es mir ist, mich nicht einzuschränken, sondern mir die Freiheit offen zu lassen, dass plötzlich ein Reiter im Wald auf Tairyn (meine Prota aus dem letzten Band der „Inseln der Träume“) wartet und ich noch nicht weiß, wieso.

  2. Hallo,

    Es freut mich, dass du deinen Blog wieder langsam füllst, und die beiden bisherigen Einträge waren sehr interessant! Aber dieser hier ist der erste, der haargenau auf meine momentane Situation passt – ich habe eine Geschichte im Kopf, die mich aber noch nicht richtig begeistert. Diese Idee will ich ausführlicher planen als sonst, damit ich bestimmte Themen und Ideen in größerem Detail erkunden kann. Wenn ich wenig plane, bleiben meine Geschichten oft oberflächlich, zumindest habe ich das Gefühl. Erst beim Überarbeiten sehe ich wirklich die übergreifenden Themen, dem roten Faden.

    Ich denke auch, dass jedes Projekt seinen eigenen Rhythmus hat und eigene Methoden braucht. In dem Sinne stimme ich dir völlig zu. Ein wenig experimentieren hat schließlich noch keinem geschadet, auch wenn man glaubt, den eigenen Weg bereits gefunden zu haben. 🙂

    Liebe Grüße,
    Vanessa (Alice ist ein Künstlername)

    • Liebe Vanessa,
      ich freue mich mal wieder von dir zu lesen und noch mehr, dass du ebenso dem Schreiben treu geblieben bist.

      Dein Problem mit den oberflächlichen Texten habe ich interessanterweise genau umgekehrt. Wenn ich zu viel vorher plotte, dann „weiß“ ich schon alles und komme gar nicht an die ganzen interessanten Details, die noch irgendwo in meinen Geschichten verborgen liegen. Finde ich wirklich spannend, wie unterschiedlich da jeder ist und es trotzdem diverse Parallelen gibt.

      Danke für deine Worte, sie zeigen mir wieder, dass ich auf dem richtigen Weg bin *drück*

      Alles Liebe dir

      Laura aka Eluin

  3. Also ich finde die Metapher etwas…uh…lang und stellenweise brachial aufgezwungen, aber im Kern (höhö) passend:
    Es gibt nämlich so eine Sache wie Überfürsorge und ich denke, dass nicht nur die „Samen“ von Schreiber zu Schreiber anders sind, sondern sogar die Pflanzengattungen. So wie manche Ideen eben wie Unkraut wuchern, selbst wenn man sie ignoriert, gibt es auch das ein oder andere Werk, das intensivste Pflege benötigt. Nicht nur Licht und Temperatur muss stimmen, selbst der Ammoniak- und Phosphorgehalt im Boden, der Härtegrad des Wassers und die Luftfeuchtigkeit sind bestimmend.

    Ich für meinen Teil bin derzeit in der Phase, in der ich einfach mir unbekannte Samen in eine kontrollierte Umgebung werfe und schaue, was dabei so aufkeimt. Oft nicht viel, aber zumindest lerne ich, wie man den Wasserstand kontrolliert.

    Übrigens halte ich den Plot weniger für die Summe an Umständen, die über die Lebendigkeit der Story entscheiden, sondern vielmehr für die Ratschläge der freundlichen Pflanzenverkäuferin.

    • Wieso empfindest du es als aufgezwungen? Du selbst arbeitest ja wunderbar mit diesem Vergleich 😉 Welche Metapher funktioniert denn für dich persönlich?

      Ich muss dir ansonsten mit deiner Beschreibung absolut zustimmen. Für mich sind genau dies die Punkte, die bei mir entscheidend waren, um zu sagen: jede Idee hat ihre eigenen Bedürfnisse. Manche Samen brauchen mehr Pflege, andere weniger.

      Allerdings verstehe ich nicht, was du mit deinem letzten Absatz meinst.

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