Flieg, kleiner Käfer

Marienkäfer

Frisch aus der Puppe geschlüpft, wartet der Marienkäfer auf seinen ersten Flug. Noch müssen die Flügel trocknen, aber er macht bereits Pläne, was er alles erleben möchte. Als Larve träumte er von den bunten Blumen, die in der Ferne schillerten. Jetzt kann er hinfliegen und sie aus der Nähe bewundern. Vieles wird plötzlich möglich. Träume können sich erfüllen. – Aber was ist, wenn der Wind den Marienkäfer in andere Richtungen treibt? Wenn plötzlich die eigenen Pläne und Wünsche nicht mehr glänzend und erstrebenswert erscheinen? Oder sie ganz einfach in Vergessenheit geraten, weil anderes wichtiger sein soll?

Marienkäfer
Marienkäfer – gemeinsam die Flügel ausbreiten

Die Richtung wechseln

Du und ich, wir beide haben Flügel bekommen, die wir nur ausbreiten müssen, um unseren Träumen zu folgen. Überall hinfliegen, wo wir wollen. Neues erkunden, Lieblingsplätze aufsuchen – tun, was uns gefällt. Schön wäre es. Jeden Tag aus tiefstem Herzen genießen. Doch dann kommt der Wind. Mal ist er günstig für uns, mal zerrt er in eine Richtung, die wir nicht wollen. Wie Marienkäfer, die bei ablandigem Wind aufs Meer hinaus getragen werden. Aber ich will nicht wie ein Stein ins Wasser stürzen, weil mir die Kraft fehlt, weiter zu fliegen. Ich vermute du auch nicht. Was also tun wir?

Manche Marienkäfer schaffen es, sich im Sand niederzulassen und auf günstigere Luftströmungen zu warten. Andere haben das Glück in Winde zu geraten, die sie zurück an Land tragen. Aber was ist mit denen, die fortgerissen werden? Die keine Möglichkeit haben, sich aus der wirbelnden Luft zu befreien? Sobald sie ihre Flügel ausbreiten, zerren die Böen an ihnen, drohen die feinen Gebilde zu zerreißen. Unten das Meer. Soweit das Auge reicht. Keine Blume, kein Busch zum Niederlassen.

Ein Bild, das mir ziemlich vertraut ist. Kein Ausweg in Sicht. Trotzdem kommt aufgeben für mich nicht infrage. Ich spare meine Kraft, lege die Flügel eng an meinen Körper und lasse mich vom Wind mitnehmen. Natürlich fühlt es sich an, als stünde mein Leben auf Autopilot. Ich habe nur wenige Chancen, von einer Windströmung in eine andere zu wechseln. Schwierig ist auch die Entscheidung, welcher Wechsel sich lohnt. Wo ich schneller an ein sicheres Ziel komme, um mich neu zu orientieren. Allerdings will ich dem Wind nicht die Kontrolle über mein Leben überlassen. Eine Zwickmühle, aus der ich ausbrechen muss.

Wegfinder

Manchmal gibt es keine Möglichkeit den Sturm, um einen herum zu verlassen. Alles ist düster und schwarz. Gewitterwolken lassen Blitze über den Himmel zucken und Wassermassen ins Meer stürzen. Dazwischen ich als Marienkäfer. Auch wenn es anstrengend ist, gebe ich mich nicht geschlagen. Ich werfe mich in Aufwinde, versuche dem Wasser zu entkommen. Jeder Lichtstreifen am Horizont gibt mir Hoffnung, auf dem richtigen Weg zu sein. Aber aus eigener Kraft entkommen? Manchmal benötigen wir Hilfe von außen. Menschen, die uns auffangen. Neue Richtungen weisen oder Winde, die uns in andere Gebiete davon tragen.

Dann: eine Insel! – Ob ich mich dort einen Moment ausruhen kann? Vielleicht finde ich heraus, wo ich bin und wohin mich der Wind führt. Der Wind führt mich. Wirklich? Glaube ich an so etwas wie das Schicksal? Ich weiß es nicht. Für mich ist aber klar, dass ich aus jeder Situation lernen kann. Wer weiß, was ich Interessantes auf der Insel entdecke? Vielleicht möchte ich sogar bleiben. Doch dann werde ich meine Ziele nie erreichen. Irgendwo da draußen liegen sie. Die Blüten, die ich sehen, meine Freunde, die ich treffen wollte.

Mittlerweile haben ich und der kleine Käfer in mir es geschafft, uns aus dem Wind zu befreien. Neue Perspektiven liegen vor uns und dennoch haben wir Wunden abbekommen, die erst heilen müssen, ehe wir wieder an tollkühne Höhenflüge denken können.
Für mich war die Wiedereingliederung eine solche Erfahrung. Die Aufgaben waren in Ordnung, auch Kollegen und Chefs haben Rücksicht genommen. Trotzdem war es zu viel. Der Sturm hat mich fortgerissen. Ich konnte nicht mehr auf mich selbst aufpassen, Achtsamkeit üben und meine Kräfte so zusammenhalten, dass ich keine Äste an meinem Heidelbeerstrauch abbreche. Deshalb hat mein Hausarzt mich aus dem Wind gerissen.
In Situationen wie diesen merke ich, dass meine körperliche Konstitution schlechter ist, als ich wahrhaben möchte. Dennoch bin ich nicht bereit aufzugeben. Stattdessen sehe ich mich nach neuen Wegen um.

Wie geht es weiter?

Ganz klar: Ich folge meinen Träumen. Auch für mich gibt es die Möglichkeit Geld zu verdienen, ohne von einem Orkan von den Füßen gerissen zu werden. Ich habe diverse Ideen, die ich nun nach und nach prüfen werde. Zum Glück stehen mir viele gute Freunde zur Seite, die mir bereits ihre Hilfe zugesichert haben. Gemeinsam werden wir es schaffen, einen für mich gangbaren Weg zu finden.
Als erstes stellte sich mir die Frage: Was kann ich? Wie lang die Liste wurde, hat mich selbst überrascht und ich wette, mir würden noch viel mehr Punkte einfallen, wenn ich alle Selbstzweifel zur Seite schiebe. Besonders geholfen hat mir ein Gedanke, den Rhiannon mir zu meinem Beitrag „Die Wolken sind mein Ziel“ geschenkt hat. Wenn ich To-do-Listen so betrachten soll, wie ich es bei Freunden tue, warum dann nicht auch meine Fähigkeiten von außen begutachten. Also habe ich einen Schritt zur Seite gemacht und folgende Fähigkeiten notiert:

  • Kreativität
    • ich kann und liebe schreiben
    • ich male gerne
    • ich habe zahlreiche Bastelideen
    • „Was wäre, wenn …?“-Fragen sind eine meiner Leidenschaften
  • Technologie
    • Programmieren macht mir Spaß
    • ich kann gut Probleme erkennen und lösen
    • neue Programme lerne ich schnell zu bedienen
    • ich kann logisch denken, ganz besonders was Prozesse und Abläufe betrifft
    • ich bin an sich Technikaffin und probiere gerne Neues aus
  • Wissen
    • ich bin wissbegierig
    • lerne schnell, was mich interessiert
    • bringe die nötige Disziplin mit
    • weit gefächerte Interessen
    • gutes Gedächtnis
  • Soziales
    • ich habe ein starkes Einfühlungsvermögen
    • meine Freunde schätzen meine Ideen und führen gerne Gespräche mit mir
    • ich mag es andere zu unterstützen

Das sieht doch gar nicht schlecht aus. Noch kann ich zwar nicht voll durchstarten – dafür muss ich erst wieder fitter werden – aber diese vielen Punkte geben mir Hoffnung. Ich bin nicht ohne Talente und Ideen. Es gibt Möglichkeiten für mich und ich bin mir mittlerweile sehr sicher, dass mich meine nächsten Schritte in eine Selbstständigkeit führen. Der Weg wird zwar nicht einfach, aber je tiefer ich mich in meinen Träumen verwurzle, umso weniger kann mir ein Sturm etwas anhaben. Bäumen kippen schließlich auch erst um, wenn ihr Wurzelwerk alt und morsch wird. Für mich bedeutet das weiter meine Fühler auszustrecken, die Flügel ausbreiten und den Weg über das Meer wagen.

Wie sieht es mit dir aus?

Machen dir Stürme in deinem Leben Angst oder versuchst du immer das Licht im Dunklen zu finden? Wie gehst du mit Winden um, die dich in andere Richtungen zerren wollen?

Schreibe einen Kommentar

Deine E-Mail-Adresse wird nicht veröffentlicht. Erforderliche Felder sind mit * markiert.