Gemeinsam wachsen

Wachstum - Baum auf einer Wiese

Wenn ich so meinen Garten betrachte, sehe ich um mich herum die unterschiedlichsten Pflanzen und Tiere. Herrlich große Nachtkerzen, die am Abend ihre gelben Blüten öffnen, zierliche Mohnsprösslinge, die bald zum zweiten Mal in diesem Jahr ihre roten Köpfe der Sonne entgegenrecken. Schmetterlinge, Hummeln, Schnecken und Ameisen finden einen reich gedeckten Tisch, ziehen Nachkommen groß, helfen Pflanzen bei der Verbreitung ihrer Samen.

Und ich? Wie passe ich in dieses Bild der Wunder? Natur, Wachstum und zahlreiche Möglichkeiten liegen vor mir. Aber wo ist mein Platz im Kreislauf der Veränderung?

Veränderungen zulassen

Vor vielen Jahren wurde ich von einem Partner begleitet, für den Veränderungen schrecklich waren (ich hoffe, mittlerweile ist auch er gewachsen und weiß das Geschenk der Veränderung zu schätzen). Weder ich sollte mich verändern, auch wenn ich selbst wachsen wollte, noch er war bereit zuzulassen, dass er sich während unserer Beziehung durchaus zum Positiven weiterentwickelt hatte. Damals war es für mich unvorstellbar gewesen, wie heftig sich ein Mensch gegen Veränderungen und damit auch gegen Wachstum, wehren konnte.

Auch heute noch empfinde ich es als Geschenk, dass ich weiter aus Erfahrungen lerne und neue Wege einschlagen kann, wenn ich es möchte. Allerdings merke ich, dass es teilweise alles andere als leicht ist, eingefahrene Muster aufzubrechen und neue Pflanzen anzusiedeln, während unliebsame Ranken die Keimlinge überwuchern, sobald ich nicht mehr darauf achte. Achtsamkeit, Meditation und gesunde Ernährung sind für mich solche Keimlinge. Immer wieder setze ich mich mit den Themen auseinander. Übe hier und da, bis ich es wieder schleifen lasse. Selbst meine geliebten Yoga-Übungen lasse ich viel zu schnell hinter den Büschen verschwinden, wenn meine Aufmerksamkeit vielen anderen spannenden Themen am Tag gilt und scheinbar ganz plötzlich die Sonne unter geht und es Zeit wird, mich bettfertig zu machen.

Tief im Inneren weiß ich, dass ich einige meiner Gewohnheiten ändern möchte, um gesund zu werden. Ich will aus alten Denkmustern ausbrechen, mich weiterentwickeln und meinem Körper die Möglichkeit geben, sich selbst zu heilen. Es ist möglich. Davon bin ich mittlerweile überzeugt. Knochen können zusammenwachsen. Krebszellen werden tagtäglich vernichtet und Wunden schließen sich. Die eigenen Reparaturmechanismen sowie das Immunsystem sind geniale Erfindungen, die ich immer wieder voller Staunen betrachte, wenn ich Fachtexte darüber verschlinge. Aber durch meine chronische Erkrankung ist mein Körper überfordert. Zaunlatten sind zerbrochen, Bäume müssen gestutzt werden und der Rasen wurde lange nicht gemäht. Alleine nicht in kurzer Zeit zu bewältigen. Also ist Zusammenarbeit gefragt, um zügig Veränderungen zu bewirken. Der erste Schritt hierfür ist das Zulassen. Hilfe annehmen, neue Möglichkeiten in Betracht ziehen und nicht aufgeben.

Gemeinsam stark sein

Mittlerweile habe ich ein starkes Netz um mich herum gespannt. Familie, Freunde und viele liebe Menschen, die mich unterstützen (Danke!). Wenn ich Hilfe brauche, weiß ich, dass ich sie bekomme. Das gibt Mut und lässt mich weiter voller Hoffnung meinem Weg folgen. Um mich herum leuchten zahlreiche helle Lichter, die mir in der dunkelsten Nacht zeigen, wo die Quelle der verlockenden Düfte in meinem Garten ist. – Diese Unterstützung stärkt mich. Allein zu wissen, dass da Menschen sind, die mir helfen wollen, sobald ein Ideenfunke mich berührt und mir flüstert, was andere tun könnten, um mir meinen Weg zu erleichtern. Ich muss ihn alleine gehen, aber mit Begleitung macht eine Wanderung doch gleich viel mehr Spaß und auch das Gewicht in den Rucksäcken kann aufgeteilt werden.

Aber es gibt noch ein zweites Gemeinsam, dass ebenso wichtig – wenn nicht sogar wichtiger – ist. Wenn mein Kopf meint: „Du gehst nun Unkraut rupfen, den Rasen mähen, verjüngst die Bäume und reparierst den Zaun“, dann geht das nur, wenn ich meinen Körper mitnehme. Viel zu lange habe ich alles dafür getan, um zu funktionieren. Auch am Ende der Wiedereingliederung habe ich es gemerkt. Autopilot. „Ich muss. Ohne Geld geht es nicht. Ich will arbeiten. Es muss einfach klappen.“ – Gedanken, die neben depressiven Ansätzen meinen Tag beherrschten, wenn ich nicht gerade geschlafen habe. Mittlerweile weiß ich, dass es falsch ist, meinen Körper aufs Abstellgleis zu schieben und soweit wie möglich zu ignorieren. Er ist genauso ein Teil von mir und nur gemeinsam kann ich es schaffen, das Chronic Fatigue Syndrome hinter mir zu lassen.

Gemeinsam. Ein starkes Wort. Auch in meinem Körper besteht alles aus einem fein abgestimmten Zusammenspiel verschiedener Mechanismen. Dazu kommen Einflüsse wie Nahrung, Gewohnheiten und meine Gedanken sowie Gefühle. Setze ich mich weiterhin so unter Druck und tue alles dafür, mein Stresslevel aufrecht zu erhalten, dann wird in meinem Körper das EBV weiterhin sein Unwesen treiben. Das Immunsystem, Prozesse der Entgiftung und Reparaturen werden erst aktiviert, wenn ich in der Entspannung bin. Nein, das ist kein spiritueller Hokuspokus. Das nennt sich Physiologie. Kurz gesagt, es liegt an mir, gemeinsam daran zu arbeiten, wieder auf die Beine zu kommen oder weiterhin dafür zu sorgen, meinen Körper zu ignorieren und als lästiges Übel anzusehen.

Über mich hinauswachsen

Allmählich begreife ich die Zusammenhänge. Sehe Wege, die ich noch nicht bedacht habe. Es gibt immer Möglichkeiten. Daher sind auf meinem Weg ein paar Anhaltspunkte zu einem Kompass für mich geworden:

  • Denke positiv.„: Nicht immer ist es möglich, aber sobald ich anfange, meine Gedanken bewusst in Richtungen zu lenken, die ein schimmerndes Licht in mir entzünden, schaffe ich es die Dunkelheit langsam, aber sicher, hinter mir zu lassen.
  • Entdecke das Schöne um dich herum.„: Ganz klar, ich bin eine Verfechterin davon, dass es überall einen Funken gibt, der mein Herz erfreuen kann. Sei es ein Gänseblümchen in einer Mauerritze, ein Sonnenstrahl, der durch die dichte Wolkendecke dringt oder das unbestimmte Lächeln eines Menschen, dem ich begegne. Manchmal ist es nur eine Farbe, ein Geräusch oder ein Geruch. Aber es gibt sie. Die vielen kleinen Wunder im Alltag.
  • Sorge gut für dich.„: Eine meiner schwersten Übungen. Ich schaffe es noch nicht, ein Gleichgewicht zwischen meinen geistigen und körperlichen Bedürfnissen zu finden. Auf der einen Seite möchte ich mich gut fühlen, aktiv sein und das Leben genießen. Auf der anderen Seite bringt es mir nur Frust, wenn ich mich überfordere, meinen Körper ignoriere und mir nicht die benötigte Ruhe gönne.

Symbiosen, funktionierende Lebensgemeinschaften. Die Natur macht es mir vor. Knöllchenbakterien, die Stickstoff aus der Luft fixieren und ihn an ihre Partnerpflanze (bspw. als Symbiose mit Erbsen, Lupinen oder Erlen) weiterreichen, wofür sie von der Pflanze ernährt werden. Oder Flechten: zwei Organismen (Alge und Pilz) die zu einem Organismus werden und gemeinsam Gegenden erschließen können, die im Alleingang nicht möglich wären. – Warum sollte ich dieses Vorbild nicht für mich nutzen?

Wachstum - Baum auf einer Wiese Was wären wir ohne Pflanzen, Tiere, Sonne, Mond und all die faszinierenden Wunder?

Miteinander und nicht gegeneinander. So findet Wachstum statt. Ich fange an, auf meinen Körper zu hören. Wir beide möchten, dass es uns gut geht. Also beginne ich nun Schritt für Schritt eine Symbiose aufzubauen. Gemeinsam miteinander wachsen. Stärker und gesund werden. Wachstum findet in so vielen Bereichen statt. Körperlich, geistig und auf der Gefühlsebene. Ständig lerne ich Neues. Ich liebe es zu recherchieren, genieße Erfahrungen, beobachte gerne und freue mich sogar über schlechte oder schlimme Erlebnisse (zumindest im Nachhinein sehr häufig). Besonders schwierige Erfahrungen – wozu ich auch meine Erkrankung zähle – lassen mich wachsen. Ich lerne, erlebe, wozu ich in der Lage bin und finde neue Wege, wenn mich alte Gedankenmuster in Sackgassen führen. Ich bin noch lange nicht bereit aufzugeben. Stattdessen sehe ich es als eine Chance an, über mich hinauszuwachsen.

Wie sieht es mit dir aus?

Magst du Veränderungen? Wie gehst du mit ihnen um, damit du über dich hinauswachsen kannst? Bist du bereit, neue Richtungen einzuschlagen? Welche Voraussetzungen (außer dem Wunsch dazu) brauchst du, um alte Gedankenmuster zu verabschieden?

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