Nachts an Gleis 3 – eine Kurzgeschichte zu Halloween

Nachts an Gleis 3 - Cover Kurzgeschichte

Halloween – draußen ist es schnell dunkel, der Herbst hat die Blätter von den Bäumen gefegt und wir bereiten uns auf den Winter vor. Für manche ist Halloween zu einem Fest geworden, für mich ist es der passende Anlass, um euch eine meiner Kurzgeschichten zu schenken.

Das Nornenetz hat zu dieser Halloween-Aktion aufgerufen, an der ich mich gerne beteilige: Totentanz mit den Nornen

Über Nachts an Gleis 3

Die ursprüngliche Version von »Nachts an Gleis 3« habe ich 2007, also zehn Jahre vor dieser Veröffentlichung, geschrieben. Seitdem hat die Geschichte einige Änderungen im Schreibstil durchgemacht, aber die Idee ist geblieben. Schon damals war »Nachts« (alter Titel) eine wertvolle Erfahrung für mich: Ich lernte einen Text so zu lieben, dass ich ihn wieder und wieder überarbeitete. Noch viel wichtiger war die Erkenntnis, dass ich ohne Plot, einfach drauf los schreibend, mich selbst und meine Leser überraschen kann. Bei den ersten Worten hätte ich niemals vermutet, wohin mich die Buchstaben führen und so begriff ich mit der Zeit, wie ich als Bauchschreiber meine Werke zu Papier bringen kann und sollte.
Damals hatte alles mit einer Einsendeaufgabe für eine Schreibschule begonnen. Es hieß, ich soll aus einem vorgegebenen Absatz eine Kurzgeschichte machen. Ein Absatz, mit dem ich zunächst so gar nichts anfangen konnte. Zigarette als Nichtraucher? Ein realistisches Setting? Oh graus. Heute bin ich allerdings stolz darauf, was aus dieser Aufgabe geworden ist.
Aber lies selbst und wenn du magst, verrate mir doch, wie es dir gefallen hat.
Viel Spaß beim Lesen und alles Liebe
Laura

Nachts an Gleis 3 - Cover Kurzgeschichte
Nachts an Gleis 3

Die Kurzgeschichte ist auch als eBook in diversen Shops erhältlich (sobald bookrix es schafft es online zu stellen, sorry ich dachte, der Distributor wäre schneller). Alternativ kannst du sie auch als PDF herunterladen: Nachts an Gleis 3 (ich habe das PDF so angelegt, dass du es dir im Broschürendruck auf A5 als Büchlein drucken könntest, daher sind auch entsprechende Leerseiten vorhanden)

Nachts an Gleis 3

Es war still auf dem Bahnsteig. Nur der Wind trieb einige Blätter vor sich her. Die Lichter des letzten Nachtzugs wurden kleiner, bis die Dunkelheit sie verschluckte. Ein Schatten huschte über den Boden und ein Mann in einem langen Ledermantel trat an die Bahnsteigkante. Er ließ den Blick schweifen. Verlassen.
»Dann wollen wir mal«, sagte er und lief zur Treppe. Schritte hallten von den Wänden wider, als er die Stufen hinabstieg. In der Bahnhofshalle war niemand zu sehen. Einzig die Scheinwerfer eines Autos konnte er in der Ferne erkennen.
Zügig trat er zum Fahrstuhl, der am Tag die Passagiere zu Gleis 3 brachte. Als er den Schalter betätigte, glitten die Glastüren sofort vor ihm auf. Nun musste er rasch handeln.
Im grellen Licht der Kabine konnte er mühelos die Schrauben an der Schalttafel erkennen. Schnell drehte er eine nach der anderen heraus und ließ sie achtlos fallen. Es klimperte, sobald das Metall neben seinen Füßen auf den Boden fiel. Ansonsten war nur das leise Summen der Beleuchtung zu hören. Selbst das Pfeifen des Winds hatten die Türen ausgesperrt. Gut so. Die Ruhe schenkte ihm die nötige Konzentration für seine Arbeit.
Die letzte Schraube fiel. Mit einem Ruck öffnete er die Schalttafel des Fahrstuhls. Unzählige Drähte kamen darunter zum Vorschein.
»Perfekt«, murmelte er. Damit durchbrach er für zwei Atemzüge die Stille.
Er ließ den Schraubenzieher in der Tasche seines Mantels verschwinden und holte eine schmale Zange daraus hervor.
»Dann wollen wir mal …« Unter dem Druck der Schneide gab einer der Drähte mit einem Klick nach. Kurz darauf sprang ein weiterer auseinander. Darauf packte er die Zange weg und angelte einen isolierten Draht aus der Hosentasche. In der Mitte des Drahts leuchtete ein blaues Lämpchen. Einen Moment betrachtete er das Licht, ehe er mit geübten Griffen die Metallenden umeinander wickelte.
»Voilà!« Der erste Schritt war geschafft.
Er hängte die Schalttafel wieder an ihren Platz. Die Schrauben ignorierte er ebenso wie das blaue Leuchten, das nun durch die Ritzen drang.
Er betätigte die Schaltfläche, auf der ein Pfeil nach unten abgebildet war. Nichts geschah. Als er ein zweites Mal die Taste drückte, erlosch die grelle Beleuchtung des Fahrstuhls. Nach einem weiteren Tastendruck tanzten blaue Lichter über die Wände hinter den gläsernen Fronten.
»Zeit für das Finale.« Seine Finger glitten über den Pfeil, fuhren die ins Metall eingravierte Form nach. Dann drückte er die Schaltfläche tief in ihre Mulde ein. Er zählte bis zehn, hielt die Luft an und ließ die Taste los.
Im Fahrstuhlschacht ratterte es. Mit einem Quietschen setzte sich die Kabine in Bewegung. Erdschichten glitten an ihm vorbei, als der Fahrstuhl beschleunigte und in die Tiefe sank.
Endlich. Erleichtert wieder er selbst sein zu dürfen, öffnete er die Knöpfe des Mantels und ließ ihn von den Schultern rutschen. Als das Leder den Boden berührte, wurde die Kabine langsamer und stoppte. Die Türen glitten geräuschlos auseinander.
Nebel waberte in den Fahrstuhl. Der Geruch nach süßen Blüten und Moder stieg ihm in die Nase, als die warme Luft ihn einhüllte.
Lächelnd trat er hinaus, richtete sich zu seiner vollen Größe auf. Der Klang von reißendem Stoff ertönte. Dann schnellten seine Flügel auseinander und vereinzelte schwarze Federn segelten zu Boden.
Wenige Atemzüge später war die Stille dahin. Ketten rasselten, Glöckchen klingelten und eine zarte Melodie tanzte um die Dunstschleier. Zwischen den Nebelschwaden wurden schemenhafte Gestalten sichtbar.
Der Wächter trat einen Schritt zur Seite und gab den Weg in die Kabine frei. Ein Zentaur, auf dessen Rücken ein silberner Fuchs ritt, ein Vampirpärchen, trällernde Feen, kettenschwingende Rattenwesen, drei Einhörner und viele weitere traten ein. Sobald das blaue Licht im Inneren des Fahrstuhls ihre Haut berührte, wurden sie selbst zu Lichtfunken. Gelbe, grüne, violette, rote und jede nur denkbare Farbe schwebte zwischen den Glaswänden.
Als die letzten Nachzügler sich verwandelten, betrat der Wächter die Kabine. Er betätigte die Taste mit dem Pfeil nach oben. Die Türen schlossen sich und mit einem Ruck schoss der Fahrstuhl in die Höhe, bis er abrupt stoppte.
Die Türen glitten auseinander, kalte Luft wirbelte in die Kabine. Die Wesen strömten auf Gleis 3 hinaus. Nur der Wächter blieb zurück, sah ihnen hinterher. »Schöne Träume«, flüsterte er in die Nacht hinein. Stolz stand er am Bahnsteig und wartete auf die Rückkehr der Träume im Morgengrauen.

Wie sieht es mit dir aus?

Konnte ich dich überraschen? Ich hoffe, dir hat meine Kurzgeschichte gefallen. Nun bin ich aber gespannt, was Halloween für dich ist. Geht es an dir vorbei oder feierst du es?

Totentanz mit den Nornen

Zusammen mit einigen Autoren aus dem Nornennetzt ist eine Sammlung von schaurigen Geschichten zu Halloween entstanden. Schaut doch mal vorbei! Hier geht es zur Übersicht unserer Beiträge.

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