Täglich 1.000 Wörter – unmöglich. Nein!

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„Ja, um deine 1.000 Wörter am Tag beneiden wir dich alle.“ – In dem Moment war ich gestern zu perplex beim Treffen mit meiner Schreibgruppe, um zu sagen: „Warum? Gibt es keinen Grund zu. Kannst du auch.“ – Mittlerweile habe auch ich begriffen, dass mein tägliches Schreiben nicht dadurch klappt, dass ich „mehr“ Zeit hätte als andere. Die habe ich nämlich auch nicht.

Ich möchte mich mit diesem Beitrag nicht nur an Autoren wenden, sondern an jeden, der den Wunsch hat, regelmäßig eine für ihn wichtige Aktivität auszuführen. Für mich ist es das Schreiben. Deshalb möchte ich an dieser Stelle einen Einblick geben, wie ich konsequent eine Rohfassung (Überarbeitungen sind ein ganz anderes Thema) zu Papier bringe.

Der Wille und die Disziplin

Du hast ja die Zeit“ – eine Aussage, die häufiger anklingt, wenn ich über mein tägliches Schreibpensum spreche. Zeit ist aber relativ, wenn sie aus den verschiedensten Gründen nicht so genutzt wird, wie man es selbst gerne möchte. Ja, ich gehe nicht arbeiten und beziehe mittlerweile eine Erwerbsminderungsrente – gefällt mir nicht, muss ich aber mit leben. Deshalb habe ich nach außen hin zwar Zeit, nutzen kann ich sie aber dennoch nur sehr eingeschränkt (siehe mein Beitrag zum Thema „Heidelbeermagie“). In dem Punkt unterscheide ich mich also nicht von jemandem, der täglich seine 8 Stunden und mehr arbeiten geht. Ich bin ebenso müde und unkonzentriert (den ganzen Tag!) und muss mich aufraffen. Genau das ist es, was ich täglich tue. Ich trete mir selbst in den Hintern. Eiserne Disziplin und ein starker Wille, mein tägliches Ziel zu erreichen, helfen mir dabei, mir die Zeit auch wirklich zu nehmen. Egal, wie es mir geht. Selbst wenn ich mit einer Migräneattacke flach liege (kann ich übrigens nicht empfehlen, mein Körper dankt es mir nicht, mache ich trotzdem) oder zu müde zum Tippen bin (kann ich empfehlen, kommt zwar ab und zu Mist bei raus – dafür gibt es die Überarbeitung – aber auch sehr gute Ideen, auf die ich wacher vielleicht nicht gekommen wäre, weil mein Verstand dann aktiver gewesen wäre und den Fluss blockiert), setze ich mich hin und schreibe. Wichtig dabei sind mir folgende Aspekte:

  • Keine Wörter, nur um der Wörter willen schreiben – ausgenommen sind Löcher im Plot, aus denen ich mich so herausschreiben kann. Wichtig ist, dass der Roman oder die Kurzgeschichte voran geht.
  • Ein Projekt will so ganz und gar nicht? Nicht verzweifeln. Medium wechseln (bspw. Schreibprogramm oder statt am Rechner am Smartphone oder auf Papier) oder ein anderes Projekt (besser eine Kurzgeschichte als einen zweiten Roman – wobei ich auch sehr gut mit zwei parallelen Romanen in unterschiedlichen Genres arbeiten kann) schnappen. Aber bitte nicht nur Anfänge schreiben, sondern auf das Ende hinarbeiten. Abwechslung ist trotzdem durchaus hilfreich.
  • Wissen, wo die eigenen Grenzen sind und was möglich ist. Ich weiß, was ich in welcher Zeit schreiben kann und wo mein Wohlfühltempo liegt. Das ist bei jedem anders und verändert sich auch mit der Zeit. Ich bin durch die Routine schneller geworden.
  • Inneren Lektor ausschalten: Plot Korrekturen für bereits geschriebenen Text nur notieren, nicht durchführen. Also Überarbeitung und schreiben strikt trennen (seit dem ist mein Output / Zeit auch höher).

Auch als ich noch gearbeitet habe, habe ich trotz Krankheit regelmäßig geschrieben. Der Output war niedriger, aber das ist eine Frage der Gewöhnung und der persönlichen Wohlfühl-Schreibgeschwindigkeit. Ich habe bspw. 2011 und 2013 – die NaNoWriMos, bevor ich durchgehend krankgeschrieben wurde – trotz Krankheit und Überstunden gewonnen (zur Erinnerung: täglich min 1.667 Wörter). Warum? Weil ich es wollte. Weil ich mir die Zeit dafür genommen habe, egal wie müde oder unkonzentriert ich war. Und es hat mir gutgetan. Plötzlich bestand das Leben nicht nur aus Arbeit. Das war und ist etwas, was ich für mich tue. Zeit, die ich in mein Wohlfühlen investiere, egal, wie erschöpft und lustlos ich bin. Nach jeder dieser Schreibsessions bin ich stolz auf mich, dass ich es trotz diverser Widrigkeiten wieder geschafft habe, mich aufzuraffen und mein Ziel zu erreichen. So geht es Stück für Stück voran.

Selbst wenn ich mich dazu zwingen muss, endlich anzufangen, überwiegen für mich die Vorteile. Ich komme voran und sehe das auch. Außerdem kann ich mir wie beschrieben auf die Schulter klopfen. Viel wichtiger ist aber, ich bleibe im Projekt gedanklich drin und brauche keine lange Einarbeitung. Im Normalfall lese ich nur die letzten 1-2 Absätze noch mal und kann loslegen.

Der Tag hat nur 24 Stunden

Richtig. Bei mir ist das nicht anders. Das heißt, ich habe 23,5 Stunden, um mich anderen Dingen zu widmen und in der Zeit meinen Plot weiter im Unterbewusstsein wachsen zu lassen.
Ja, du hast richtig gelesen. Für meine täglichen 1.000 Wörter brauche ich im Normalfall 30 Minuten – oft reichen bei mir auch 20 Minuten.
Achtung! Jeder hat sein eigenes Tempo und das variiert zudem von Tag zu Tag; mehr Geschwindigkeit kann mit der Routine und dem bewussten Ausschalten vom inneren Lektor kommen – so war es bei mir. Wenn du „nur“ 100 Wörter in 30 Minuten schaffst, klopf dir auf die Schulter. Sind es „nur“ 10 Wörter? Herzlichen Glückwunsch. Das sind mehr Wörter als 0 und damit bist du deinem Ziel, dem Ende, ein Stück näher gekommen. Weiter so.

Eine halbe Stunde freischaufeln geht leichter, als man denkt. Es muss nicht einmal am Stück sein. Deshalb heißt es für mich: Eine Schreibmöglichkeit kommt immer mit. Egal ob Notizbuch oder Smartphone (GoogleDocs finde ich für unterwegs sehr praktisch).
Wie häufig heißt es warten? Warum ungenutzt verstreichen lassen? Okay, Löcher in die Luft starren zur Entspannung ist sinnvoll. Nur bevor ich mich über vertane Zeit ärgere, nutze ich sie lieber für mich und schreibe. Statt im Bus zu dösen, schreib oder lese ich oft (das hab ich schon bei meiner täglichen Pendelstrecke zur Uni gemacht). Auch Toilettenpausen können zwei, drei Sätze bringen 😉 Sei kreativ, wo du Zeit für dich finden kannst.

Noch eine Folge der Lieblingsserie gucken? In Ordnung, aber muss es auch noch die zweite Folge werden? Schreiben im Flow kann auch entspannen.
Stundenlang mit Mutter / Freundin / Tante (oder wem auch immer) telefonieren? Genauso musst du nicht jeden Beitrag auf Facebook oder sonste wo akribisch lesen. Ja, aber nur, wenn es sich gut für dich anfühlt. Wenn nicht: Sag früher stopp und nutz die Zeit für dich. Für deinen persönlichen Termin (es soll auch helfen, sich tatsächlich einen fixen Termin zum Schreiben in den Kalender einzutragen, ist aber nicht mein Ding).
Häufig erwische ich mich selbst auch bei der Aussage: „Ich muss aber noch …“ – wirklich? Ist nicht am wichtigsten, dass ich mir selbst etwas Gutes tue? Und wenn du mich um meine 1.000 Wörter beneidest, dann scheint das ja durchaus etwas Gutes für dich zu sein. Also ran an die Tasten und geschrieben.
Es gibt zahlreiche Möglichkeiten, wo du die Zeit für dich anders nutzen kannst, wenn du es möchtest. Aber bitte fang nicht an, auf Schlaf oder Essen zu verzichten, um Zeit zu erhalten.

Keine Magie?

Wie? Du bist noch da? Sehr schön! Dann plaudere ich noch ein wenig, was ich zusätzlich in meiner Trickkiste liegen habe, damit mir meine Wörtermagie gelingt. Eigentlich ist es nämlich gar nicht magisch. Wie gesagt Disziplin und der Wille sind entscheidend. Dazu nutze ich noch ein paar Hilfsmittel, um meine Ziele auch wirklich zu erreichen.

Mir persönlich hilft mein Excel-Dokument, in dem ich meine Schreibstatistik führe. Für mich ist es aus zwei Gründen wichtig: Ich sehe in Zahlen, wie meine Texte wachsen. Zudem kann ich nach schlechten Tagen, an denen ich absolut down und zu nichts in der Lage war, trotzdem sagen: „Schau mal, so schlecht bist du gar nicht. Du hast dein Ziel geschafft, also hör auf, dich als Versager zu sehen“.
Falls du ebenfalls meine Tabelle nutzen möchtest, melde dich bei mir, ich schick sie dir gerne zu (da ich nicht will, dass die Files veralten und ich sie an zwei Stellen pflegen muss, lade ich die Tabellen nicht hoch).
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Sehr wichtig finde ich auch ablenkungsfreies Schreiben: Familie Bescheid sagen, dass nun die halbe Stunde Ruhe beginnt. TV aus, Musik an. Facebook, WhatsApp, Foren und vieles anderes lenkt mich am Laptop ebenfalls ab. Deshalb nutze ich gerne „write or die 21

im Belohnungsmodus. Da ich mich genug unter Druck setze, arbeite ich lieber mit positiven Reizen, als mit negativen.
Auch die Umgebung muss stimmen. Sofa? Sessel? Terrasse? Je nach Tagesform kann es variieren.
Mittlerweile habe ich raus, was für mich klappt (wobei es noch nicht optimal ist, 30 Minuten vor Mitternacht anfangen ist unklug, weil ich schlafen sollte). Deshalb probiere ich immer wieder Neues aus und optimiere mein tägliches Schreiben weiter.

Was willst du? Täglich schreiben? Dann tue es. Ab und an schreiben? Völlig in Ordnung.
Zum Beneiden sind tägliche 1.000 Wörter jedenfalls nicht. Es ist nur eine Frage, ob du dich auf den Hosenboden setzen willst und tippst oder andere Dinge für dich wichtiger sind. Anderes darf wichtiger sein, aber dann entscheide dich bewusst dafür und trauere nicht der Zeit hinterher, die dir dadurch zum Schreiben oder für jedes andere Hobby fehlt, dass du gerne ausführen möchtest. So habe ich mich bewusst fürs Schreiben entschieden und dagegen, meine Malfertigkeiten weiter auszubauen. Ich will meine Romane voranbringen, egal ob die Hochzeit meiner Schwester, ich lieber Schlafen würde, ein spannender Film läuft oder anderes ansteht.

Bei mir ist es ein Wortziel, genauso gut kannst du dir vornehmen regelmäßig eine Viertelstunde (oder wie viel Zeit du dir nehmen willst) zu schreiben. Alles eine Frage der Einstellung, Disziplin und Prioritäten.

Falls du noch Fragen hast, wie ich vorgehe, nur zu. Ich teile meine Erfahrungen und Methoden gerne.

Wie sieht es mit dir aus?

Was ist dein Ziel? Was hält dich davon ab? Wie erreichst du es?


1 Aus Softwareentwickler Sicht ist zwar die Desktopversion katastrophal programmiert, da es nicht immer startet und bspw. nach einem Klick auf Pause die Wörter pro Minute nicht mehr stimmen, dennoch hilft mir das Tool sehr.

2 Gedanken zu “Täglich 1.000 Wörter – unmöglich. Nein!”

  1. Hallo Eluin, Danke für den interessanten Text!
    Ich stimme mit Dir völlig überein.
    Das Schreiben ist bei mir momentan ziemlich ausgeschaltet, weil ich mein „schon immer Hobby“ die Blockflöte, wieder aktiviert habe.
    Irgendwann wurde aus dem ab und zu spielen, häufigeres spielen durch die Mitspieler vom neuen Orchester usw.
    Auf einmal bräuchte ich eine neue Basflöte und die muss eingespielt werden.
    Komme gerade müde nach Hause und „zum Umschalten“ habe ich Deinen Beitrag gelesen.
    Gleich kommt, wie mittlerweile jeden Tag eine Stunde Bassflöte üben dran.
    Das wird dann im Kalender als erledigt eingetragen.
    Ich werde, durch Dich angeregt, demnächst in meinem Blog davon berichten!
    Noch ein Gedanke dazu:
    Ich habe letztens Kinder mit acht bis zehn Jahren erlebt, die Meisterstücke auf Klavier, Querflöte und anderen Instrumenten spielen und dazu auswendig.
    Die üben neben der Schule freiwillig Stunden fast täglich!
    So ist Deine 1/2 Stunde und meine Stunde täglich wenig, aber für uns fördernd!
    In diesem Sinne weiter viel Erfolg und die nötige Gesundheit dazu.
    P S bin jetzt richtig müde, aber gleich werde ich hell wach sein!
    Liebe Grüße
    Ika

    • Huhu meine liebe Ika,
      ich freue mich sehr von dir zu lesen. Vor allem, dass ich dich zu einem Blogbeitrag inspirieren konnte. Was du schreibst, gefällt mir sehr gut. Gerade musizieren finde ich auch ein sehr schönes Hobby. Dabei wünsche ich dir ganz viel Spaß und ja, es braucht definitiv Zeit. Aber eine schöne, gut investierte Zeit für sich selbst.
      Alles Liebe dir
      Laura / Elin

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