Schillernde Quallen und trübe Weltenflüsse
Heute Morgen bin ich gegen 6 Uhr voller Begeisterung aufgewacht und freute mich auf den Tag. Beim Wachwerden – auch wenn ich eigentlich noch schlafen wollte – kam eine schillernde Wolkenqualle zu mir geflogen und erzählte von einer Idee …
Ideenquallen
Es dauerte nur ein paar Atemzüge, bis ich begriff, wie stark die Idee war, um meinen Roman »Schmetterlingsleuchten« endlich so fertigzumachen, dass er sich rund anfühlt. Dankbar lächelte ich in Gedanken der Wolkenqualle zu und dachte an all die Wesen, die ich bereits erschaffen habe und wohin sie mich geführt haben. Viele Welten sind bereits entstanden, einige veröffentlicht. Noch deutlich mehr werden folgen und ich freue mich über jede von ihnen. Aber in den vergangenen Jahren habe ich gelernt, dass Ideen nicht erzwungen werden wollen. Wie meine Muse Filith aus »Die Muse und der Sorgendieb« (die märchenhafte Kurzgeschichte kannst du in meiner Sammlung »Magie der Lichtträume« lesen) sind auch Wolkenquallen für mich Ideenbringer und zarte Wesen.
Für mich ähneln Ideen ein wenig Quallen. In klarem Wasser schwebend wirken sie leicht, unbeschwert, entspannt, frei und magisch. Aber angespült am Strand machen sie eher den Anschein von Glibber ohne jegliche Eleganz und Anmut. Sie tanzen nicht mehr im Licht der Wellen, sondern werden von der Brandung hin und her gepeitscht.
Ähnliches erlebe ich mit meinen Texten. Wenn ich ihnen die Freiheit gebe, sich zu entfalten und ihren Weg zu gehen, entstehen Welten, die mich selbst begeistern. Allerdings habe ich in der Vergangenheit versucht, zu erzwingen, dass meine Wolkenquallen auch am Strand tanzen. Oft habe ich mich zum Schreiben gezwungen und möglichst viel Druck ausgeübt.
Damit will ich nicht sagen, dass ich jemand bin, der nur darauf wartet, dass die Muse mich mit dem Zaunpfahl erschlägt. Im Gegenteil. Ich liebe es, täglich in meine Welten einzutauchen. Es gibt mir Kraft, fühlt sich gut an und ich brauche es wie Luft, Schokolade und eine Tasse Tee. Die Idee heute Morgen hat mich daran erinnert, dass ich loslassen und entspannen darf. Wenn ich ohne Zwang in ein Projekt eintauche, dann kommen schillernde Quallen durch die Luft geschwebt und sinken nicht als Glibber zu Boden, sondern entzünden für mich ein Feuerwerk.
Fortsetzung bitte! Wirklich?
Mittlerweile kämpfe ich seit ein paar Jahren darum, wieder voller Begeisterung langfristig in eine meiner Welten einzutauchen. Ich vermute, es hängt damit zusammen, dass mein Debütroman »Perfektion – Die Veränderten« positiv angenommen wurde und meine Leser*innen sich unbedingt eine Fortsetzung wünschten. Für mich war die Welt abgeschlossen und ich hatte sie zu Ende bereist. Ich konnte aber nachvollziehen, dass das Ende von Band 1 ein fieser Cliffhanger ist, weshalb ich mich dazu entschlossen habe, mich auf die Suche nach Band 2 zu begeben. Es war ein Ziehen und Zerren. Ich skizzierte grob den Inhalt der Kapitel, plante die Handlung vollständig. Doch bereits im zweiten Kapitel bogen meine Charaktere in eine andere, bessere Richtung ab. Es war ein Kampf, »Perfektion – Die Ursprünglichen« zum Leben zu erwecken, auch wenn ich im Nachhinein froh bin, dass ich den Weg gegangen bin. Mich hat die Welt an vielen Stellen überrascht und ich liebe jede einzelne Szene. Außerdem habe ich dadurch festgestellt, dass ich mich durch Texte durchbeißen kann, selbst wenn ich nicht in den Flow komme. Vielleicht hat mir so zu schreiben einen Teil meiner Leichtigkeit genommen. Vielleicht hat es mir aber gezeigt, dass ich viele Möglichkeiten habe, wie ich schreiben kann.
Vor Perfektion schrieb ich völlig frei. Damals, vor 2018, lagen Veröffentlichungen für mich in weiter Ferne. Ich wusste zwar vieles über das Selfpublishing, aber ich fühlte mich noch nicht bereit. Lieber schrieb ich an immer neuen Welten, sobald ich eine bereist hatte und tauchte tief ein. Es gab keine Erwartungen, nur die Worte, durch die ich Charaktere, Orte und die Natur zum Leben erweckte. Heute sehne ich mich nach der Leichtigkeit, mit der ich früher Welten erschuf.
Mich zieht zwar jedes meiner Projekte in einen Bann und ich schreibe, was mich begeistert, aber ich merke immer wieder, dass ich schneller aus den Wellen auftauche und die schillernden Quallen seltener und kürzer beim Schreiben für mich tanzen. Schon nach wenigen Worten falle ich aus dem Flow und brauche Monate – manchmal Jahre – statt Wochen für ein Projekt.
Tatsächlich beschäftige ich mich seit gut zwei oder drei Jahren damit – womöglich sogar seit der Veröffentlichung 2018 von Perfektion I –, wieder fließend zu schreiben und mit meinen Welten zu verschmelzen. Möglicherweise ist aber auch meine Erinnerung verzerrt. Es gab Jahre, da habe ich viel geschrieben und in anderen ein oder zwei Romane. Wenn ich mir meine Zahlen in Trackbear ansehe, dann gab es auch in der Vergangenheit viele Tage mit nur wenigen Worten.
Bereits 2023 habe ich zwei Blogartikel (»Ideen und die Pausetaste« sowie »Ruhepause für Texte«) geschrieben, in denen ich erzählte, wie wichtig es für mich ist, dass meine Texte reifen dürfen. Eigentlich weiß ich, dass es in Ordnung ist, in Ruhe meine Welten wachsen zu lassen. Und doch merke ich, dass ich mich weiterhin nach dem einen Funken, dem Schlüssel sehne, um langfristig wieder tief abzutauschen. Ich möchte deshalb darauf vertrauen, dass mir bei allen Welten mit Ruhe und Pausen schillernde Quallen den Weg zeigen und sie dann sogar am Strand für mich tanzen.
Lebendige Erinnerungen und Wunderwelten
Ich weiß nicht, ob mir das Bild der Wolkenqualle dabei helfen wird, die trüben Weltenflüsse zu reinigen und wieder vollständig im Flow zu schreiben, aber ich merke, dass derartige Momente etwas in mir bewegen.
Vor ein paar Tagen habe ich eine inspirierende Frage gelesen: »Was willst du in einem Jahr viel besser können als heute?«. In meinem Kopf wurde daraus »wo willst du in einem Jahr mit deinem Schreiben stehen?«. Endlich kann ich diese Frage präzise für mich beantworten: »Ich möchte mit schillernden Quallen tanzen und tief in meine Welten eintauchen, um alle Nuancen zu erleben, die sie zu bieten hat.«
Wenn ich so darüber nachdenke, steigt in mir die Erinnerung an die Ozean-Ausstellung im Gasometer Oberhausen auf. Besonders tiefgreifend war eine Klangreise durch die Welt der Meere. Wale sangen, Wellen rauschten, Möwen schrien und viele andere Laute drangen tief in unsere Körper.
Ein Stockwerk höher entdeckten wir eine Ruheinsel mit Ozeanklängen und unzähligen Beamern, die eine Unterwasseratmosphäre erschufen. Quallen schwebten durch den Raum, Fischschwärme drifteten über uns hinweg und das Sonnenlicht glitzerte Unterwasser. Gemütlich lagen wir auf den Sitzsäcken, wurden eins mit diesen Wunderwelten.
In meiner Erinnerung ist alles intensiv und voller Gefühl. Ähnlich ergeht es mir bei meinen Welten. Sie bleiben in mir lebendig, auch wenn ich sie gerade nicht auf dem Schreibtisch liegen habe. Ich brauche keine Fotos oder andere Hilfsmittel, um in ihnen spazieren gehen zu können. Ich brauche lediglich den Mut, den ersten Schritt zu wagen und mich dabei weniger unter Druck zu setzen.
Am liebsten würde ich schreiben, dass ich durch diesen Blogartikel und meine schillernde Wolkenqualle heute Morgen all die Blockaden und Kämpfe in mir auflösen kann. Doch wahrscheinlich brauche ich noch ein paar Abzweigungen und Entdeckungen, um wieder frei und mit Leichtigkeit in meine Welten einzutauchen. Jeden Tag kann ich mich von Neuem daran erinnern, was ich mir wünsche, und so meine Weltenflüsse säubern, damit sie nicht durch Druck, Pflicht und Erwartungen, die ich mir selbst auferlege, trüb werden. Im Augenblick freue ich mich darüber, dass ich eine weitere Welt mit neuen Fäden vervollständigen darf und schillernde Quallen für mich tanzen.
Alles Liebe
Laura Kier

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