Magie der Lichtträume
Blühende Steine
Erschrocken ließ der Steintroll Alun den Korb mit den Zwiebeln für die Sommerblumen fallen.
Vor ihm am Seeufer stand eine Feuersäule. Einfach so, mitten auf dem Sand. Lediglich der Wind ließ die Flammen in unterschiedliche Richtungen züngeln.
Wie war das möglich? Feuer brauchte Nahrung, genau wie die Pflanzen, die er pflegte. Sand war keine Nahrung.
Plötzlich machte die Feuersäule einen Schritt nach vorne, auf den See zu. Dann noch einen.
Schon flossen die Flammen über die Seeoberfläche. Dampfwolken stiegen auf und das Wasser begann in der direkten Nähe des Feuers zu kochen. Für die Sumpfdotterblumen war es zu heiß. Dicht schwammen sie an den blubbernden Wasserblasen, wodurch sich ihre Blätter dunkel färbten und in sich zusammenfielen.
Alun rannte auf den See zu. Bevor er die Stelle erreichte, verlosch das Feuer. Eine Nymphe kam zum Vorschein, die ihre Hände zu einer Sumpfdotterblume streckte.
Zitternd stand sie da. Zwischen ihren Fingern eine der Blüten, die ihre leuchtend gelbe Farbe verloren hatte.
Der Steintroll trat auf sie zu und räusperte sich.
Die Nymphe erhob sich und drehte sich zu ihm um. Eine Träne rann über ihre Wange, die verdampfte, ehe sie ihr Kinn hinab tropfen konnte.
»Wer bist du?«, wollte der Steintroll von der Nymphe wissen.
»Feora«, flüsterte sie. Schwerfällig wankte sie ans Ufer. Ihr Gesicht wurde mit jedem Schritt blasser. Wo die Haut zuvor rötlich geschimmert hatte, nahm sie nun eine aschfahle Färbung an.
Besorgt betrachtete Alun die Nymphe. Sie hielt weiterhin die verkohlten Überreste der Sumpfdotterblume in der Hand. Was hatte sie damit vor?
Er fragte: »Was tust du hier?«
Als sie neben ihm stand, brachte sie kaum mehr als ein Wispern über die Lippen: »Das kann jemand wie du nicht verstehen. Dein Herz ist aus Stein und brennt nicht vor Leidenschaft.« Sie ging an ihm vorbei. Ohne ihre Füße zu heben, schob sie sich durch den Sand.
Alun starrte ihr hinterher. Langsam schlich sie voran, während er über ihre Worte nachdachte. Plötzlich setzten sich seine Beine wie von selbst in Bewegung und er lief zu ihr. »Warum sagst du so etwas?«
Schlotternd schlang Feora die Arme um ihren Körper. »Du bist ein Steintroll. Ihr seid zufrieden. Wann bist du das letzte Mal voller Sehnsucht einem Wunsch gefolgt? Ihr habt keine Gefühle wie …« Sie beendete ihren Satz nicht, sondern sackte vor seinen Füßen zusammen. Feine Rauchwölkchen stiegen von ihrer Haut auf. Ihre Zähne klapperten und sie krümmte sich am Boden.
Augenblicklich kniete er sich neben sie. Sie war beinahe so kalt wie das Wasser des Sees. Rasch trug er die kranke Feuernymphe die wenigen Schritte zu einer Bank auf der Veranda und rannte zur der Hexe Gasota. Er hämmerte an die Tür und rief: »Komm schnell!«
Ehe Gasota die Tür öffnete, kehrte Alun an Feoras Seite zurück. Er legte ihr eine Hand auf den Arm und flüsterte, um sie zu beruhigen: »Gasota wird gleich bei dir sein. Sie kann dir sicherlich helfen.« Zumindest hoffte er das. »Du musst dich ausruhen.«
Die Nymphe schwieg. Schwer atmend lag sie da.
Unsicher, was er tun sollte, sah der Steintroll zwischen dem Haus der Hexe und der Nymphe hin und her.
Dann endlich öffnete Gasota die Tür. Erschrocken riss sie die Augen auf, als sie das magische Wesen erblickte. »Was ist passiert?«, Sie berührte die Nymphe an der Schulter.
Alun räusperte sich. »Sie stand in Flammen. Dann ist sie in den See gelaufen und das Feuer ist verloschen. Ihr Name ist Feora.«
»Du bist eine Feuernymphe«, flüsterte Gasota, während sie sich zu dem Wesen beugte. »Aber deine Haut ist eiskalt.« Darauf wandte sich die Hexe an Alun. »Ich brauche deine Hilfe. Bitte hol mir zwei Mistelzweige.«
Der Steintroll sprang auf und lief zu einer Birke am nahen Waldrand. Geschickt kletterte er den Stamm empor zu einem Ast, auf dem eine Mistel wuchs. Zwei Zweige brach er ab und legte seine Hand auf die zerfaserten Bruchstellen. Mit einem Zauber, den Gasota ihm beigebracht hatte, schloss er die Wunde.
Als er Alun hinabklettern wollte, fiel sein Blick auf einen Samen aus purem Licht. Nur ein Stück über ihm auf Augenhöhe. Der SamenEr gehörte weder zur Birke noch zur Mistel. Behutsam nahm der Steintroll das Korn in die Hände und klemmte sich die Mistelzweige unter den Arm. So schnell er konnte, rutschte er den Stamm hinunter.
Beim Klettern kamen ihm Gasotas Worte in den Sinn: »Manchmal zeigen sich magische Wunder dann, wenn wir am wenigsten mit ihnen rechnen und wir sie dringend benötigen.«
Überrascht lief er zur Feuernymphe und der Hexe zurück. Vielleicht konnte der Samen Feora heilen!
Außer Atem erreichte er die Veranda und fand die Nymphe weiterhin zitternd vor. Gasota hockte neben ihr und tauchte Tücher in einen Kessel, der über einem Feuer blubberte. »Wirf die Misteln hinein«, bat sie.
Alun brach die Zweige in kleinere Stücke und warf sie ins Wasser. Dann legte er den Samen in Feoras Hände. »Den habe ich für dich gefunden«, flüsterte er.
Als hätte sich die Nymphe daran verbrannt, ließ sie das Samenkorn zu Boden fallen. Kopfschüttelnd sah sie ihn an.
[…]
Die Perlmuttschmetterlinge
Die Brandung trug Muschel um Muschel auf den Strand. Inzwischen war der Sand dicht bedeckt mit den zarten Gebilden. Dennoch führte die Meerjungfrau Mirjam ihr Flötenspiel fort. Mit geschlossenen Augen ließ sie die Töne in den Wind gleiten. Durch ihre Magie verwandelten sich die Klänge in Muscheln.
Nach einer Weile löste Mirjam die Flöte von ihrem Mund, worauf ihr Lied in der Nacht verhallte. Hatte sie es geschafft?
Sie beugte sich von ihrem Felsen und fischte eine Handvoll Muscheln aus dem Wasser, die die Wellen zurück ins Meer gespült hatten. Aber eine nach der anderen warf sie wieder weg. Nicht groß genug, die falsche Farbe oder bereits in Stücke zersprungen.
Unzufrieden saß sie da. Ihr blieb nicht mehr viel Zeit, wenn sie rechtzeitig beim Mondfest sein wollte. Einmal im Jahr schenkte die Mondfee ihrem Volk die Magie des Landes. Jeder von ihnen durfte sich zu den Feierlichkeiten, gegen ein kleines Geschenk, etwas wünschen. Vielleicht hatte sie heute Glück, dass sie auserwählt wurde, ihren Wunsch vorzutragen: Sie wünschte sich einen Perlmuttschmetterling, um wie das Landvolk träumen zu können.
Bei diesem Gedanken blickte die Meerjungfrau wehmütig in die Ferne. Die Sterne leuchteten klar am Horizont und die ersten Strahlen des silbernen Nachtlichts wurden sichtbar. Schon bald würden die Perlmuttschmetterlinge im Schein des Mondes zur Erde hinabschweben. Sie waren die Träume, die die Menschen im Schlaf begleiteten. Träume, die Mirjam nur zu gerne erleben würde. Wenigstens ein einziges Mal. Doch es war unmöglich. Ihr Volk hatte Angst. Manche Schmetterlinge brachten schreckliche Albträume mit sich. Eine Gefahr, die sie im Meer nicht duldeten. Aber selbst einen Albtraum würde Mirjam willkommen heißen. Alles war besser, als traumlos auf den Sonnenaufgang zu warten!
Sie wollte über sich hinauswachsen. Neue Ideen zusammenfügen und wie das Landvolk in die unbekannten Reiche der Nacht entführt werden.
Niemand konnte sagen, welche Abenteuer die Menschen dort erlebten. Doch sobald sie von ihren nächtlichen Erlebnissen sprachen, stahl sich ein zutiefst beglückter Ausdruck auf ihre Gesichter. Nur selten schlich sich Angst in ihr Minenspiel.
Mirjam wollte, nein, sie musste einfach sehen, was die Menschen sahen.
Gebannt saß sie auf dem Felsen, hielt ihre Augen starr in den Himmel gerichtet. Verzückt atmete sie auf, als die Perlmuttschmetterlinge erschienen. Bunt schillernd glitten sie im Mondlicht in die Welt hinab. Es war beinahe so, als spannte sich ein Regenbogen zwischen Mond und Erde.
Jeder Schmetterling hatte eine einzigartige Färbung. Manche waren hell wie das Licht der Sonne. Andere wurden von aufwendigen Mustern geziert. Nur ein paar unter ihnen wirkten trostlos mit ihren matten Schattierungen. Ob diese die Schmetterlinge waren, die Albträume zu den Menschen brachten?
Auch heute schwebten die Perlmuttschmetterlinge nur zum Landvolk. Für sie war keiner dabei. Natürlich nicht.
Dennoch verzehrte die Sehnsucht sie in ihrem Inneren. Sie brauchte eine Muschel für das Mondfest. Aber nicht irgendeine, sondern eine ganz besondere, um einen Perlmuttschmetterling zu erbitten.
Niemand verstand ihr Verlangen. Normalerweise bat das Meeresvolk um gute Algenernten, schillernde Fischschwärme oder warme Meeresströmungen, die den Winter erträglich machten. Häufig wurden die Bitten erfüllt. Trotzdem musste sie es heute wagen und für einen Schmetterling ihr Geschenk darbringen. Egal, was die anderen über sie denken mochten.
Mirjam beugte sich abermals vom Felsen hinab und tauchte ihre Hand ins Wasser. Muscheln glitten durch ihre Finger. Sie wartete auf die Passende.
Als eine große und besonders harte Kalkschale ihre Handinnenfläche berührte, griff sie zu. Hoffnungsvoll zog sie diese aus dem Meer. Das Perlmutt schimmerte bläulich im Mondlicht. Eine Muschel, die außerordentlich prächtig war. Genau richtig, um sie der Mondfee zu überreichen.
Erleichtert atmete Mirjam auf. Es war Zeit für sie, zum Mondfest zu schwimmen.
Gerade als die Meerjungfrau sich in die Fluten stürzen wollte, knirschten Schritte am Strand. Jemand zertrat achtlos, was sie geschaffen hatte!
Erschrocken fuhr sie herum. Schnell schob sie ihre Flöte und die Muschel in eine aus Algen geflochtene Tasche. Dann glitt sie vom Felsen und tauchte ins Wasser.
»Warte bitte!«, rief ihr eine sanfte Stimme hinterher. Sie klang freundlich, aber verzerrt.
Das Tosen der Wellen rauschte in Mirjams Ohren und dämpfte die Geräusche der Oberwelt. Noch war sie nicht tief genug, dadurch vernahm sie, was die Unbekannte ihr hinterherrief: »Ich kann dir helfen! Ich kann dafür sorgen, dass sich deine Wünsche erfüllen!«
Die Meerjungfrau hielt inne. Sie sehnte sich nach einem Perlmuttschmetterling, der sie durch die Nacht begleitete. Doch den Wunsch erfüllte nur die Mondfee. Wie also sollte jemand anders ihr dabei behilflich sein?
Hin- und hergerissen zwischen ihrer Neugierde und ihrem Vorhaben, beim Fest um einen Schmetterling zu bitten, ließ sie zu, dass die Wellen sie zum Strand trugen.
Um einen kurzen Blick auf die Person zu erhaschen, hatte sie noch Zeit. So verbarg sie sich hinter ihrem Lieblingsfelsen. Gespannt lugte sie um den Stein herum.
[…]