Wenn Mooswichtel träumen und Phönixfedern wieder wachsen
Farben auf der Wolkenwiese
Als die Magie in den Wolken noch knisterte und mit jedem Regentropfen zur Erde hinabfiel, wurde auf der Wolkenwiese der Oktopus Niall geboren. Er liebte sein Leben, war glücklich und voller Begeisterung. Jeder lauschte gerne seinen Geschichten. Aber die Farben waren verblasst und die Fröhlichkeit verschwunden, als die Farbenmaler die Wolkenwiese verlassen hatten. Niemand wusste, wer sie waren oder wohin sie gingen. Sie hatten eine Welt voller Magie geschaffen. Allmählich verschwanden sogar die Erinnerungen daran.
Niall vermisste diese Zeit und wünschte sich nichts sehnlicher, als wieder humorvolle Geschichten mit Hilfe seiner bunten Arme zu erzählen. Doch die Freude war aus seinem Herzen verschwunden.
Auch an diesem Tag war es trist und eintönig, als Niall über die Wolkenwiese schwamm. In der Entfernung glitten die Rochen im fahlen Licht der Sonne dahin. Ihr Schuppenkleid glänzte dunkelblau. Früher hatte es in unterschiedlichen Farbtönen geleuchtet. Auch die Fledermausfische, die flink an ihm vorbeizogen, glitzerten nur, wenn sie im Mondlicht von einer Wolke zur anderen sprangen.
Mit schwerem Herzen schwamm der Oktopus weiter. Tränen stiegen ihm in die Augen. Warum zog er noch seine Runden? Alles, was er sah, stimmte ihn traurig.
Niall näherte sich einer Gruppe Delfine. Vor langer Zeit war ihr Lachen verstummt und statt amüsanter Geschichten erzählten sie nun Schauermärchen.
War es heute anders? Er spitzte die Ohren.
Unter ihnen entdeckte er seinen alten Freund Orys. Kurz tauchte dieser in die Wolken hinab, ehe er mit einem Salto zu den anderen Delfinen sprang. Er keckerte und nickte Niall zu. »Wisst ihr, gestern habe ich erlebt, wie eine Möwe hier hinauf geflogen kam! Sie sah so zerzaust aus, als wurde sie von einem Blitz getroffen! Ich sag euch, nirgendwo ist es mehr schön!«
Die anderen Delfine zogen erschrocken die Luft ein.
Niall schüttelte den Kopf. So verbreiteten sich Angst und Schrecken weiter. Wo blieb die Hoffnung?
Niemand wollte sich mehr daran erinnern, wie es war im Sonnenlicht zu tanzen.
Aber Niall hatte es nicht vergessen!
»Wir müssen endlich herausfinden, wohin die Farbenmaler verschwunden sind!«, rief er den Delfinen zu. »Vielleicht vernebeln dann nicht länger Angst und Schrecken eure Herzen.«
Sie ignorierten ihn. Sogar sein früherer Freund Orys.
Gerne wäre Niall selbst losgezogen und hätte sich auf die Suche nach den Farbenmalern gemacht. Wäre er aber fortgegangen, wer würde den Wolkenkindern noch davon erzählen, wie es wieder werden könnte?
Schnell wandte er sich von ihnen ab und zog davon.
Unterhalb der Wolkenwiese kündigte sich ein Gewitter an. Die Wolken wurden fast schwarz und zitterten heftig. Niall schätzte die Abwechslung.
Um das Schauspiel zu bewundern, schwamm er ein wenig höher.
Direkt vor ihm durchstieß eine junge Möwe die Wolkendecke. Im Zickzack irrte sie zwischen den Korallenwelsschwärmen und den farblosen Rochen dahin.
Schnell breitete der Oktopus alle acht Arme aus und glitt wie ein Löwenzahnschirmchen über die Wolkenwiese auf die Möwe zu. Aufgeregt kam er bei ihr an, schob die Korallenwelse zur Seite und fragte: »Gibt es bei euch noch Farbenmaler?«
»Farbenmaler? Wo bin ich? Was ist das hier?«
Der Oktopus breitete in einer ruhigen Geste seine Ärmchen aus. »Du bist in Sicherheit. Ich bin Niall und das ist die Wolkenwiese. Hier lebte einst die Magie.«
»Nie gehört. Aber Farben könntet ihr wirklich gebrauchen.« Die Möwe schüttelte ihr weiß-graues Federkleid. Sie ließ sich auf einer Wolke nieder und putzte sich. Eine Feder nach der anderen zog sie durch den gelben Schnabel.
Niall beobachtet sie dabei. Gelb hatte er schon lange nicht mehr gesehen.
Die Möwe betrachtete ihn ihrerseits. »Alles ist so blass und farblos hier. Weint der Himmel unter uns deshalb?«
Einen Moment überlegte Niall. Dann schüttelte er sich. »Nein, Regen hat es schon immer gegeben. Die Tropfen brachten die Magie der Wolken auf die Erde.«
»Magie … Bei uns gibt es sie nur in alten Geschichten.«
Erschrocken erstarrte der Oktopus und wagte nicht mehr, sich zu bewegen. »Die Magie gibt es nicht mehr? Haben die Farbenmaler sie auch unter den Wolken mitgenommen?«
»Ich weiß es nicht. Aber ist Magie denn wichtig? Da wo ich herkomme, ist es auch ohne schön.« Sie zupfte an einer Feder, bevor sie sich auf der Wolkenwiese umsah.
Einige Fledermausfische zogen an ihnen vorbei und drei Quallen glitten gemächlich in der Ferne über die Wolken. Alles war grau, blau und matt. Nur an wenigen Stellen entdeckte er Farbkleckse, wie im weißen Federkleid der Möwe.
Früher hatte das Wolkenmeer in rosa und pink geschillert. Auch grün, orange und rot mischten sich darunter. Dazu das Silber, Blau und Türkis der Rochen sowie das Glitzern der violetten und gelben Feenbarsche. Clownfische und blaue Schwalbenschwänzchen leuchteten farbenfroh, während sie über die Wolkenwiese schwammen.
Damals war er nicht allein. Viele Delfine hatten ihn begleitet und sein Freund Orys war ihm nicht von der Seite gewichen. Aber das war einmal … Seit die Farben verblasst waren, zog Niall lieber ohne Begleitung über die Wolken. Er wollte die Schauermärchen nicht hören.
Traurig ließ er alle acht Arme hängen, wodurch sie in der gräulichen Wolkendecke verschwanden.
Die Möwe kniff eines ihrer blauen Augen zusammen und betrachtete ihn argwöhnisch. »Ihr lebt nicht gut hier, oder? Du siehst erschöpft aus. Ist es wegen der Farbenmaler? Ich habe noch nie von denen gehört!«
»Sie sind magische Wesen. Durch sie war es hier oben bunt und die Magie kitzelte bei jeder Bewegung. Seit sie fort sind, ist alles düster und dunkel. Und mir scheint, die Magie ist mit ihnen verschwunden.«
»Erzählen die Fledermausfische deshalb Neuankömmlingen, dass sie lieber verschwinden sollen?«
»Das haben sie getan?« Niall riss die Augen auf.
»Durchaus. Sie meinten, ich soll schnell dorthin zurückkehren, woher ich komme. Hier gäbe es nichts mehr, das Freude macht.« Die Möwe flatterte mit den Flügeln. Sie flog ein Stück in die Höhe. Während sie über dem Oktopus schwebte, sah sie sich um. Dann landete sie wieder neben ihm und kuschelte sich in die Wolke. »Ich sehe tatsächlich nichts Buntes. Aber deshalb kann es doch nicht nur schrecklich sein! In der Nacht ist es bei uns auch dunkel. Trotzdem kenne ich eine Eule, die gerade dann ihre Runden zieht und sich über die Ruhe freut. Sie erzählt die schönsten Geschichten und bringt uns alle zum Nachdenken.«
»Erzählt sie euch davon, wie schön die Welt am Tag mit all den Farben aussieht und wie sehr ihr euch darauf freuen könnt?« Aufgeregt wippte er mit zwei seiner Arme.
Aber die Möwe schüttelte den Kopf. »Nein! Sie sagt uns, wie angenehm die Ruhe ist. Wie sie genießt, was da ist. Sie ermutigt uns, dass wir unsere Leben schätzen sollen, auch wenn wir es gerade vielleicht als nicht so schön empfinden. Laut ihr gibt es immer einen Funken Licht irgendwo, der nur darauf wartet, dass wir ihn entdecken.« Kurz schloss die Möwe die Augen. »Weißt du, auch ich hatte eine schwere Zeit. Da habe ich mit ihr geredet und sie hat mich auf neue Ideen gebracht. Es gab viel mehr Hoffnung und Schönes in meinem Leben, als ich sehen wollte!« Sie sah den Oktopus an. »Sie ist sehr weise. Ich mag ihre Geschichten.«
»Oh!« Niall hüpfte ein Stück aus den Wolken, ehe er wieder hinab sank. »Sie erfreut sich an dem, was ist? Immer? Auch in der Nacht?«
»Durchaus. Und wahrscheinlich sollte ich mich langsam beeilen, wenn ich ihrer Abendgeschichte zuhören möchte. Glaubst du, das Gewitter ist bereits weitergezogen?«
Niall betrachtete die Wolke ein Stück unter ihnen. Diese war mittlerweile heller geworden und es zuckten keine Blitze mehr zwischen den Dunstschwaden hindurch. Er nickte. »Vielleicht regnet es noch ein bisschen, aber du solltest gefahrlos nach Hause zurückkehren können. Es war schön, mit dir zu sprechen. Du bringst mich zum Nachdenken. Ich danke dir dafür.«
»Dann haben die Worte der Eule etwas Gutes bewirkt.« Die Möwe verneigte sich vor dem Oktopus, wobei sie einen Flügel vor die Brust hielt. »Es war mir eine Ehre.«
»Ganz meinerseits.« Niall sah ihr nach, wie sie durch die Wolkendecke flog und verschwand.
Hatte die Eule recht? Sie brachte ihn auf eine Idee. Unter den Wolken gab es eine Welt, die voller Farben war. Selbst wenn die Farbenmaler nicht dort lebten, könnten sie vielleicht an diesen Ort umsiedeln …
Schnell schwebte er zu einem Schwarm Korallenwelse hinüber. Aufgeregt rief er ihnen zu: »Ruft alle zum Sonnenaufgang zusammen! Ich habe euch etwas zu erzählen.«
Im Morgengrauen wartete Niall auf seiner Lieblingswolke. Bald würde die Sonne aufgehen. Doch noch war niemand zu sehen. Kein Rochen oder Delfin und nicht ein einziger Feenbarsch. Dabei wollte er nicht einmal mehr die Farbenmaler suchen. Sie brauchten sich nur unterhalb der Wolkendecke ein neues Leben aufzubauen. Dann wären sie alle wieder glücklich!
Er wartete. Aber auch, als die Sonne die Wolken in ein fahles Licht tunkte, blieb er allein.



