Wörter zählen? Das ist doch verrückt!

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Nein, ist es nicht. Warum ich als Autorin Wörter zähle und warum es mir hilft, erfährst du heute von mir. Außerdem erzähle ich dir, warum ich so wild darauf bin, im November wieder am NaNoWriMo teilzunehmen.

Auf geht’s!

Ein Ziel vor Augen

Als Bauchschreiber erstelle ich mir vor dem Losschreiben keine Szenenpläne und weiß oft nicht, wohin genau der Plot mich trägt. Ich starte mit einer groben Idee, lasse Satz für Satz laufen und schaue, wie sich alles ergibt. Früher habe ich mir keine Gedanken über Worte oder andere Zielmesser gemacht. Ich habe einfach geschrieben, geschrieben, geschrieben und vielleicht kam ich irgendwann beim Wort „Ende“ an. Als Teenager bzw. mit Anfang zwanzig habe ich dadurch viele Projekte nur begonnen und kam nie ans Ziel. Später habe ich komplette Romane geschrieben, aber mit über 240.000 Wörtern (so lang ist mein Erstling!), ist ein Roman kaum zu verkaufen, weil die Druckkosten (ca. 1.000 Buchseiten) schlicht zu hoch werden. Bei der Überarbeitung suche ich Stellen, um derart große Projekte zu splitten. Die Arbeit kann ich mir aber sparen, wenn ich von vornherein mit einem Wortziel von ungefähr 60.000 bis 80.000 Wörtern – ca. 250 bis 350 Buchseiten – schreibe. Das ist eine gute Länge für einen Roman, damit Druckkosten und Verkaufspreis nicht zu hoch werden. Außerdem habe ich so ein Ziel vor Augen.

Mini-Exkurs zu meinen Textlängen

Mir ist wichtig, dass ich mich mit einer Wortzahl als Ziel nicht einenge, sondern die Zahl nutze, um ein Licht am Horizont zu sehen. Der Berg, den ich zu einem fertigen Buch erklimmen muss, soll nicht in einer Wand aus Wolken verschwinden, weil ich nicht weiß, wie lang der Roman werden soll, sondern ich möchte die Spitze sehen können (bspw. 60.000 Wörter als Ziel). So komme ich vorwärts und kann mich Tag für Tag motivieren ein paar Wörter hinzuzufügen, damit ich irgendwann beim Gipfelkreuz ankomme.

Durch die Arbeit mit Wörtern und einem Wörterziel schaffe ich es, mir Tagesziele zu setzen. Ich weiß, durch ausprobieren, wie viel ich ungefähr pro Tag schreiben kann, ohne mich unter Druck zu setzen, und wo mein Ziel liegt. Dann kann ich ausrechnen, wie viele Wochen ich für ein Projekt brauche und ob es in meinen derzeitigen Terminplan hinein passt. Für mich ganz klare Vorteile davon, Wörter zu zählen. Aber es gibt noch weitere Gründe, warum ich immer einen Blick auf die Anzahl der Wörter meiner Texte werfe.

Etappen, Zwischenstopps und die Motivation

Einen Roman zu schreiben dauert mehrere Wochen. Vor allem dann, wenn ich mal wieder so verrückt bin und mehrere Projekte gleichzeitig bearbeite. Oft genug meint mein Gefühl mir dann zu sagen: „Hey, du schaffst ja gar nichts und trittst nur auf der Stelle.“
Früher, als Autoren noch viel mit der Hand oder an der Schreibmaschine gearbeitet haben, gab es die Möglichkeit, den Stapel Papier anzuschauen, der stetig wuchs. Heute arbeiten die meisten Autoren primär digital, wodurch es keinen Stapel Papier mehr gibt. Wir sehen schlechter, was wir bereits geschafft haben.
Ich drucke meine Texte zur Überarbeitung aus, aber nicht vorher. Also brauche ich ein Hilfsmittel, um zu sehen, dass ich Etappen erreicht habe und um meine Motivation zu befeuern. Dabei helfen mir die Wörter.
Geschriebene Seiten sind natürlich genauso gut, aber ich habe mich für die kleinere Einheit entschieden, weil ich so auch an schlechten Tagen sehe, dass es vorwärtsgeht. Manchmal sind es nur zwanzig Wörter – noch lange keine Seite, die hat ungefähr 250 Wörter – aber es sind ein paar Sätze, die ich geschafft habe, und vor allem war ich gedanklich wieder mit meinem Projekt verbunden.

Scrivener Kapitelüberblick Winterblume
Kapitelüberblick aus Scivener. Mein NaNoWriMo-Projekt „Winterblume“.

Auch Kapitel haben bei mir ein Wortziel. In der Phantastik arbeite ich meistens mit 1.800 bis 2.800 Wörtern pro Kapitel.
Meine Schwester hatte sich vor einigen Jahren gewünscht, dass ich meine Kapitel kürze (damals hatten meine ungefähr eine Länge von ca. 4.000 Wörtern), damit sie „noch eben ein Kapitel vor dem Schlafengehen“ lesen konnte. Der Vorschlag gefiel mir, weil ich so auch besser meine Konzentration für die Überarbeitung von einem Kapitel zusammenhalten kann. Bei der Überarbeitung nehme ich mir nämlich gerne ein Kapitel nach dem anderen vor und arbeitete in Kapitel-Etappen.

Mini-Schritte und Sprints funktionieren super, da ich mir ansehen kann, wie viele Wörter ich in einem bestimmten Zeitraum geschafft habe. Jeder Schritt vorwärts zählt. Egal, ob es 5, 500 oder 5.000 Wörter sind. Kontinuierlich dranbleiben hilft mir dabei, ein Projekt nach dem anderen zu beenden, mich stetig zu verbessern und vor allem auch die Motivation hochzuhalten. Deshalb liebe ich es, Wörter zu zählen, und habe sie immer im Blick.
Außerdem gibt es jährlich ein Event für Autoren, dessen Motivation ich verdammt gerne nutze. Den NaNoWriMo. Dort geht es auch um das Zählen von Wörtern.

NaNoWriMo

2007 habe ich das erste Mal am NaNoWriMo, dem National Novel Writing Month, teilgenommen. Das Ziel ist es in einem Monat 50.000 Wörter, also täglich 1.667 Wörter zu schreiben, um am Ende des Monats einen fertig Roman auf dem Tisch liegen zu haben.
2007 habe ich 25.000 Wörter geschafft. In den Jahren danach hatte ich wegen des Studiums keinen weiteren Versuch gestartet, erst 2010 wieder. Da habe ich dann die 50.000 Wörter geknackt und wusste: „Es ist möglich!“ Und nicht nur das. Ich lernte, in Wörtern zu rechnen, meine Projekte besser einzuschätzen und besser aufzuteilen. Vor allem lernte ich meine eigenen Grenzen, wie viel ich schreiben kann – pro Tag und Monat – kennen.
2015 habe ich die 50.000 Wörter beinahe verdoppelt und dank der Motivation anderer Autoren gab es mittlerweile mehrere Tage, an denen ich 10.000 Wörter an einem Tag geschrieben habe. Es ist anstrengend und nach ca. 11.000 Wörtern geht bei mir nichts mehr. Aber gerade durch solche Aktionen und dem Schreiben im Flow, wird Schreiben zu einer Sucht. Es ist ein umwerfendes Gefühl und Begeisterung pur.

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NaNoWriMo 2020 – Ich bin dabei!

So viele Wörter auf einmal zu schreiben ist ein riesiger Sprint, der Spaß macht. Aber es kostet auch Kraft, Konzentration und Kreativität. Nur Schreiben geht nicht. Auch der Ausgleich mit Ruhe und auf sich selbst aufpassen sind wichtig.
Meine Wohlfühl-Wortzahl liegt bei 500 bis 1.500 Wörtern pro Tag. Klar, im November werden es dann auch regelmäßig die 2.000 Wörter pro Tag.
Dieses Jahr werden es keine 10.000 Wörter-Tage. Der letzte erfolgreiche Versuch im August hat mir gezeigt, wie heftig solche Zahlen an meiner Gesundheit zerren. Stattdessen mache ich lieber zwei Tage mit jeweils 5.000 Wörtern. Das spart Kraft und vor allem komme ich dennoch besser vorwärts. Nach einem 10.000 Wörter-Tag bin ich nämlich platt und muss meine Heidelbeeren wieder aufladen.

Ich freue mich jetzt schon, dass morgen der NaNoWriMo wieder losgeht und viele Autoren weltweit in die Tasten hauen und sich gegenseitig anfeuern neue Welten zu erschaffen.

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